Alessandro Cagliostro (Biographie II)

Die Geschichte des Erzmagiers und Erzschwindlers, des Grafen Cagliostro

Prolog:

 

Giuseppe Balsamo, geboren am 8.6.1743, der sich später Graf Allesandro Conte di Cagliostro nennen sollte, kommt die, mehr oder weniger, schmeichelhafte Ehre zu, als eine der schillerndsten und umstrittensten Personen seines Jahrhunderts, Einlass in die Geschichtsschreibung gefunden zu haben, ebenso wie in die Köpfe derer, die ihn kannten und über ihn zu berichten wussten.

Zeit seines Lebens, erregte er, auf mannigfaltige, durchaus nicht immer angenehme Weise, die Gemüter Europas und schwang sich während seines weltlichen Werdeganges, zu geradezu messianischen Höhen empor, der in einem ebenso fulminanten Absturz mit tragischem Ende, schließlich seinen dramatischen Abschluss fand. Abenteurer, Hellseher, Wunderheiler, Alchimist, Quacksalber, Scharlatan, Erzmagier, Halbgott, die Liste der Ausdrücke, derer, die ihn zu bezeichnen pflegten ist lang und spiegelt durch ihr umfangreiches Sortiment, einmal mehr, die vielfältigen Eindrücke und Ansichten wieder, die dieser Mann auf seinen Reisen, bei dem einzelnen Betrachter hinterlassen hat. Gerüchte über seine alchimistischen und magischen Fähigkeiten, seine berühmten Wunderkuren, seine dreisten Betrügereien und Scharlatanerien, die Gründung seiner ägyptischen Loge, der Verkauf seines wundersamen Lebenselixiers, der ihn schließlich reich machen sollte, die berühmte Halsbandaffäre am Hofe Marie Antoinettes, die mit seinen Abstieg einleitete, bis hin zu seinem aufsehnerregenden Prozess, in den Klauen der Inquisition, boten solange er auf Erden weilte und darüber hinaus, Stoff für wilde Spekulationen und hitzige Diskurse.

Auf dem Gipfel seines Erfolges glich sein Ruf dem eines erleuchteten Propheten, der europäische Hochadel ging bei ihm ein und aus, von ihm gegründete ägyptische Logen schossen wie Pilze aus der Erde, die Zahl seiner Anhänger stieg in die Tausende, ja selbst vor den Thronen der Könige und Zaren, machte sein Einfluss nicht halt. Insbesondere in seiner Ausübung als Geisterbeschwörer und Alchimist, der wie er von sich selbst sagte, das Geheimnis der materia prima, des Steins der Weisen, gelüftet und die berühmte Formel, zur Herstellung von Gold, gefunden zu haben, wusste Cagliostro, die vornehme Gesellschaft ein ums andere mal zu begeistern und für sich einzunehmen. Historiker und Gelehrte streiten sich bis heute, ob es sich bei dem Grafen nun um einen echten Mystiker, Magier oder eben einfach nur um einen talentierten Hochstapler handelte. Geht man auch gemeinhin von einem raffinierten Trickbetrüger aus, der den Menschen, das vorgaukelte, was sie zu sehen wünschten, ein Aspekt der insbesondere im Zeitalter der sogenannten Aufklärung, seine gesonderte Aufmerksamkeit verdient, so bleibt dennoch die Frage, was dieser Mann an sich hatte, dass die Masse der Menschen, vom kleinen Handwerker, bis hin zu hochdekorierten Würdenträgern in ihm den reinkarnierten Messias, ihren Großkophta, ja den Heiland persönlich erblickten.

Eine unwirkliche Lichtgestalt, die über der Erde schwebte, zu der man aufsah, die man verehrte, ja mehr noch, die man anbetete, wie einen Gott. Kritiker spöttelten derweil, dass der Graf nicht imstande sei, simpelste alchimistische Experimente fachgerecht durchzuführen, dass seine Kenntnisse in der Arzneikunde mit denen eines gewöhnlichen Quacksalbers zu vergleichen und sein ägyptischer Ritus, nicht mehr als ein ungeordnetes Sammelsurium, wahllos zusammengeklaubter Halbwahrheiten und haarsträubenden Lügengebäude sei. Religiös geprägte und von christlichen Dogmen geleitete, Feinde sahen in ihm gar den geborenen Antichristen, die Verkörperung des Bösen auf irdischen Gefilden an sich. Umstritten, wäre also noch eine verzärtelte Bezeichnung, dessen, was dieser Mann an Emotionen und Spannungen, bei unterschiedlichsten Klassen und Schichten, der damaligen Gesellschaft, auslöste. Cagliostro polarisierte die Menschheit des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts in einem Maße, dass es teilweise schwer fällt, ein objektives Bild, seines Lebens und seiner Taten zu zeichnen.

Zeitgenössische Aufzeichnungen über ihn stammen entweder von glühenden Anhängern oder erbitterten Gegnern. Seit jener Zeit ist viel über ihn geschrieben und berichtet worden, viele haben auf der Grundlage von Augenzeugenberichten, administrativen Aufzeichnungen und Dokumenten, sowie den umfangreichen Prozessakten versucht das Wesen des wahren Cagliostro zu erschließen, anhand derer, sich sein Lebenslauf, recht genau skizzieren und rekonstruieren lässt. Ein schwieriges Unterfangen jedoch insofern, als selbst dem unvoreingenommensten Autor, sich hier und da eine persönliche, also subjektive Note einschleicht, was der jeweiligen Abhandlung wieder eine Richtung verleiht, die den Leser zu einer bestimmten Ansicht über Cagliostro führen soll, womit wieder jegliche Sachlichkeit zum Scheitern verurteilt wäre.

Zudem fühlt man sich, da mitunter doch immer wieder Details in seiner Lebensgeschichte auftauchen, die sich eben nur über Schlussfolgerungen und Vermutungen erschließen lassen, dazu veranlasst, zu einem von Glaubensfragen, durchzogenen Konsens über ihn zu gelangen. Im Endeffekt, bleibt es also jedem selbst überlassen, welche Meinung, welches Urteil, er sich über Joseph Balsamo bildet und diesem Ziele folgend, soll auch die weitere Untersuchung seines weltlichen Werdegangs so aufgebaut sein, dass sie dem geneigten Interessenten, eine differenzierte Sichtweise, auf sein Leben, seine Person und seine Werke ermöglicht…


Joseph Balsamo, seine Jugendzeit und erste Reisen

Der kleine Giuseppe, wurde am 8.6.1743, in einem Armenviertel Palermos, an der Nordküste Siziliens, geboren. Seine Eltern, Peter Balsamo und Felizia Braconierie, waren einfache Kaufleute, die mit Mühe und Not, ihren Lebensunterhalt bestritten. Nach dem Tode seine Vaters, steckte man den jungen Joseph in das Collegio di San Rocco (= Seminarium des heiligen Rochus), einer Art klösterlichem Internat, dessen priesterliche Tugenden von Genügsamkeit, Keuschheit und Enthaltsamkeit, ihm vom ersten Tage an aufs tiefste wiederstrebten. Nachdem er mehrfach versucht hatte aus dem Collegio auszureißen, bestimmten seine Verwandten für ihn, das Kloster der Benifratelli (= Barmherzige Brüder)im entlegenen Caltagirone.

Er wurde der Apotheke zugeteilt und eignete sich in den folgenden Jahren umfassende Grundlagen, in der Arzneikunde und der angewandten Chemie an. Aufgrund wiederholter Schwierigkeiten mit der klösterlichen Disziplin, kehrte er jedoch, im Jahre 1758, nach Palermo zurück. So soll er, als man ihm die Aufgabe übertrug, aus der Martyriologie (= Geschichte der biblischen Märtyrer) vorzulesen, die Namen der einzelnen Heiligen, durch die einiger städtischer Prostituierter ausgetauscht haben. Dieser und andere Vorfälle, veranlassten die barmherzigen Brüder dann doch, diesen Quell zerstörerischer Energien, vor die Klostermauern zu verbannen. Wieder in seiner Heimatstadt etabliert, erschien Joseph, den örtlichen Behörden, bald als ein Dorn im Auge. So soll es kaum eine tätliche Auseinandersetzung vor Ort gegeben haben, an der Giuseppe Balsamo nicht aktiv beteiligt gewesen war, auch muss er sich wohl durch zahlreiche Degenduelle einen etwas zweifelhaften Ruf erworben haben.

Mehrfach, musste man ihn in Gewahrsam nehmen und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in den Karzer werfen lassen. Öffentliche Vorwürfe wegen dem illegalen Verkauf gefälschter Theaterbillets und der unrechtmäßigen Abänderung eines Testamentes, zu seinen Gunsten häuften sich. Hinzu kamen Gerüchte, er habe einen unglücklichen Verehrer seiner Schwester, durch eigens verfasste Liebesbriefe, um einige wertvolle Schmuckstücke erleichtert. Als schließlich ein gewisser Marano, seines Zeichens jüdischer Goldschmied, Anklage wegen Diebstahles und schwerer Körperverletzung erhob, sah sich Joseph unfreiwillig dazu veranlasst, Palermo auf dem schnellsten Wege zu verlassen.

Zeitgenössischen Berichten zufolge, soll er sich während seiner jugendlichen Sturm und Drangphase, auch in der Zauberei geübt haben. So soll er auf Wunsch eines Freundes, eine geisterartige Projektion, dessen Angebeteter und ihrer augenblicklichen Beschäftigung, heraufbeschworen haben, die sie mit ihren Freundinnen im trauten Spiele zeigte. Ob Joseph nun wirklich ein geistiges Abbild, ihrer selbst, auf irdische Gefilde geleitete oder einfach nur zufällig, über ihren momentan Aufenthaltsort Bescheid und das ganze entsprechend dramatisch in Szene zu setzen wusste; als man die Betreffende sogleich aufsuchte, fand man sie genau in der Situation wie, er sie zuvor seinen Freunden geschildert hatte.

Ungeklärt bleibt indes, sollte er sich wirklich an magischen Praktiken versucht haben, woher er dieses Wissen bezog und ob ihm jemand dabei zur Seite stand. Genauso wahrscheinlich wäre jedoch, dass er bereits jetzt, seine Fähigkeiten zur Schauspielerei und Schelmerei bei sich entdeckte und aus dem vorangegangen Ereignis, seine Schlussfolgerungen für die Zukunft zog. Doch sind dies reine Spekulationen, die uns nicht allzu weit, von der eigentlich zu erörternden Thematik; seinem Lebenslauf, fortführen sollen.

Seine erste Reise nun, führte ihn bis nach Messina, an der Ostküste Siziliens, wo er einen gewissen Althoas kennen lernte, einen Mann, von dem Cagliostro selbst, immer ehrfurchtsvoll, als seinen Ausbilder und geistigen Lehrer sprechen sollte. Jener Althoas war von unbekannter Abstammung, sprach mehrere Sprachen fließend, gab sich selbst für einen großen Chemiker aus und besaß wohl auch sonst, einiges an nützlichem Wissen. Von ihm lernte und erfuhr Joseph vieles, was ihn nach eigenen Angaben, in seiner persönlichen Grundhaltung und geistigen Weiterentwicklung, nachhaltig geprägt hat.

Es kann als wahrscheinlich gelten, dass er durch ihn, sein Wissen um chemische Prozesse weiter vertiefen konnte, auch zeigte ihm Althoas wohl neben diversen Taschenspielertricks, wie man durch eine von ihm entwickelte Apparatur, Kupferstiche seitenverkehrt kopieren konnte. Gemeinsam bereisten sie den östlichen Mittelmeerraum von Alexandria, über Rhodos, bis Malta. Während dieser Zeit, tätigten sie zusammen, eine Reihe von chemischen Experimenten. So sollen sie während ihres Aufenthaltes in Ägypten, durch die Herstellung eines der Seide, täuschend ähnlichen, Stoffes, aus Flachs und Hanf, zu einem kleinen Vermögen gekommen sein. Als Althoas, Anfang 1768 starb, entschloss sich Joseph, nach einem kurzen Aufenthalt in Neapel, nach Rom zu reisen., wo er schon bald nach seiner Ankunft Lorenza Feliciani heiratete, seine Komplizin und treue Reisegefährtin, in fast allen späteren Unternehmungen.

Durch diverse Verkleidungen gelangte er bald in vornehme Gesellschaft und hielt sich derweil durch gefälschte Kupferstiche, finanziell auf dem Laufenden. Auch überredete er Lorenza wohl nicht nur einmal, ihrer ehelichen Treue zu entsagen und sich der gehobeneren Prostitution hinzugeben, um ihre Reisekasse ein wenig auf Vordermann zu bringen. Die nach außen hin getragene Veränderung ihrer Tochter, sowie die obskuren Machenschaften ihres Schwiegersohnes, veranlassten die Eltern Lorenzas wohl nicht gerade zu Heiterkeitsausbrüchen und so sah sich das junge Paar nach mehreren unangenehmen Eskapaden dazu genötigt, Rom mittels einer Droschke, zu verlassen.

Nach weiteren Aufenthalten in verschiedenen Städten Italiens, Europas und des Mittelmeerraums, die meist durch eine überstürzte Abreise endeten, weil die örtlichen Behörden ihm und seiner Frau auf den Fersen waren oder weil sich anderswo günstigere Lebensumstände zu bieten schienen, sollten die beiden im Jahre 1776 zum zweiten Mal in London Einzug halten. Dieser Abschnitt in Joseph Balsamos Leben, ist insofern ein untergeordneter Stellenwert zuzuordnen, als dass er, mit dem in sämtliche Höhen und Tiefen stilisierten Grafen Cagliostro, der die Gesellschaft in zwei Lager spalten sollte, noch recht wenig zu tun hat. Diesen in wenigen Sätzen im Zeitraffer zu umreißen, wird der Person Cagliostros und seinen oft amüsanten und schelmischen Unternehmungen natürlich nicht gerecht, dennoch ist es angesichts der zahlreichen Klein und Kleinstepisoden und der Übersicht halber, vorzuziehen, manche Ereignisse eher am Rande zu erwähnen und uns verstärkt, den für das bessere Verständnis seiner Werke, relevanten Stellen zu widmen. Deshalb wollen wir diesen Zeitraum, bis ins Jahr 1776, der Übersichtlichkeit halber nur oberflächlich streifen, um den Überblick zu wahren. Die Stationen seiner oder ihrer Reise waren Bergamo, Sardinien, Genua, Lissabon, London, Paris, Malta, Neapel, Barcelona, Valencia und Alicante.

Während dieser Zeit, schlugen sie sich mal auf diese, mal auf jene Weise durchs Leben, so dass Giuseppe Muße hatte sich über ihre weitere Zukunft Gedanken zu machen. Mal bettelten sie sich als Pilger verkleidet, das nötige Zum Leben zusammen, mal hielten sie sich mit gefälschten Wechselbriefen über Wasser, mal fand sich eine alternde Witwe, der man eine Verjüngungssalbe aufschwatzen konnte, mal wurde Lorenza mit einem gönnerhaften Adeligen verkuppelt, der sie durch ihre Großzügigkeit mit allem versorgte was sie brauchten, bis diese oder jene Umstände, das junge Paar nötigten, überhastet aufzubrechen und die jeweilige Stadt im Eilschritt zu verlassen. 

Des öfteren, gelang es Balsamo auch, bald diesen, bald jenen hochrangigen Würdenträger, der sich für die Alchimie begeisterte als Einnahmequelle zu erschließen, indem er vorgab, Ingredienzien für die Erstellung der materia prima oder für die bereits erwähnte Herstellung von Gold, zu benötigen, was ihm die oftmals, großzügige Unterstützung, der bewussten Leute einbrachte, ein Muster, das sich im Laufe der Jahre, noch in vielfältiger Form und Gestalt wiederholen sollte. Vorkommnisse, respektive Vorwürfe, dieser Art sind mehrfach, durch eine Vielzahl an Augenzeugenberichten bestätigt und müssen somit zumindest teilweise, als wahr akzeptiert werden. Ungeklärt ist derweil, wie es um die wirklichen, alchimistischen und medizinischen Kenntnisse des Joseph Balsamo, im einzelnen bestellt war, ein Punkt dem wir uns aber an anderer Stelle, noch verstärkt widmen werden. Klar ist, dass sich Giuseppe und Lorenza, um ihren recht ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren, des öfteren zu wohl recht „unchristlichen“ Betrügereien hinreißen ließen. Dies ging auch munter so weiter, bis es sie wie bereits erwähnt, Anfang 1776, zum zweiten male, in die Metropole London verschlug.


Weltlicher Aufstieg und Werdegang des Grafen Cagliostro

In London, nun geschah es, dass einem kleinen, wenn auch genialen Schwindler, ein kometenhafter Aufstieg zuteil wurde, der seinesgleichen, in vergleichbaren, geschichtlichen Hemisphären sucht. Hier, war es auch, wo Balsamo, erstmals die Möglichkeiten eines »neopopulistischen« Spiritismus, als Wirkungsgebiet, für sich entdeckte, ein Genre, dem er sich bald mit all seinen schauspielerischen und schelmischen Fähigkeiten widmen sollte. Durch sein Auftreten als großer Arzt und Alchimist, eilte ihm wohl bereits ein gewisser Ruf voraus.

Jedenfalls dauerte es oftmals nicht mehr als wenige Stunden oder Tage, bis einflussreiche, hochangesehene Persönlichkeiten seine Gesellschaft und seinen Rat suchten. Schnell verbreitete sich die Kunde, ein berühmter Gelehrter, mit erstaunlichem alchimistischem und ärztlichem Wissen, habe in London Quartier bezogen. Gerüchte über Wunderheilungen und eingetroffene Prophezeiungen von Lotterienummern, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und schnell stilisierte man den geheimnisvollen Fremden in höchste Höhen. Um diesen, sich anbahnenden, Qualitätssprung zu unterstützen, trat Joseph 1777 einer Freimaurerloge bei und legte sich eine andere, eine adlige Identität zu. Aus Giuseppe Balsamo, wurde Alessandro Conte di Cagliostro und Lorenza kannte man von nun an, nur noch als Serafina Contessa di Cagliostro.

Auch würde, der so frisch gekürte Graf, von nun an abstreiten, jemals etwas mit der Person Giuseppe Balsamos, zu tun, gehabt zu haben. Cagliostro besaß wohl ein instinktives Gespür, für den richtigen Auftritt, wie man sich geben muss, um sich selbst, mit einer Aura des Obskuren und Rätselhaften zu umgeben. Obwohl klein geblieben und von jeher zu etwas Korpulenz neigend, war er ein begabter Redner, der Menschen für sich einzunehmen wusste, zudem muss er über eine gewisse Ausstrahlung verfügt haben, die Umstehende, insbesondere auch das weibliche Geschlecht, in seinen Bann zog.

Aber das alles, erklärt noch nicht, den unerhörten Aufruhr, den seine Person, bei unterschiedlichsten, gesellschaftlichen und sozialen Schichten auslöste. Ein Scharlatan und sei er auch noch so begabt, kann nur vor einem willigen, einem offenen Publikum, seine Illusionen erfolgreich darbieten und dem Einzelnen als Wunder vermitteln, beziehungsweise verkaufen. Ist die Menge aufgeklärt und kritisch, erfüllt von eigenen Idealen und fruchtbaren, humanistischen Lehren, wird dem gaukelnden Hochstapler, von vorneherein, der Boden unter den Füßen weggezogen. Nein, es scheint viel mehr der Fall gewesen zu sein, dass Cagliostro und die vornehme Gesellschaft des 18.Jahrhundets, sich gegenseitig suchten.

Er zeigte und gab ihnen das, was sie sehen wollten. Es steht natürlich jedem frei, sich hier seine eigene Meinung, seine eigene Version, zur Klärung der Geschehnisse zu bilden, dennoch erscheint diese, im Rampenlicht der noch folgenden Ereignisse am plausibelsten. Mit immer größerem Erfolg, führte er seine spiritistischen Sitzungen und alchimistischen Experimente an verschiedenen Orten in den Niederlanden und in Deutschland durch und stilisierte sich dabei unter der Bezeichnung des »Groß-Kophta« zunehmend als Anführer, einer freimaurerischen Richtung, nach einem, von ihm selbst entwickelten, »ägyptischen Ritus«, dem wir uns im weiteren, noch ausführlicher widmen werden. Bei seinen séanceartigen Sitzungen, bediente er sich vornehmlich einer sogenannten Waisen, eines meist sieben bis zwölfjährigen, unschuldigen Kindes, das als Medium zwischen der irdischen und der von ihm beschworenen Geisterwelt fungierte, während er als illustrierender Meister, vor einem, oft aus einflussreichen Mitgliedern, des europäischen Hochadels bestehenden, eingeschworenen Kreis, die magischen Operationen dirigierte.

Hierbei ist es ein ums andere mal als bemerkenswert zu bezeichnen, dass selbst aufgeklärte, gebildete Intellektuelle, wie beispielsweise, der aus der Schweiz stammende, Pfarrer und Schriftsteller Lavater oder Adelige, wie Elisabeth von der Recke, die später eine Abhandlung über Cagliostro schrieb, zeitweise felsenfest, von der Echtheit, der dort erlebten spirituellen Erfahrungen, überzeugt waren. Derweil mangelte es selbstverständlich nie an Kritikern, denen das ganze, als aufwendiges Bühnenspektakel erschien und dies auch laut, in der Öffentlichkeit, äußerten.

Nichtsdestotrotz wuchs seine Popularität weiter und die Schar seiner Anhänger nahm ständig zu. Man wird sich nun fragen, was dieser Mann, denn eigentlich tat, dass ein derartiger Wirbel, um ihn, wie seine angeblichen Fähigkeiten getrieben wurde. Die Antwort muss lauten; eigentlich nicht viel. Es war wohl wirklich, allein seine Erscheinung, sein Auftreten, als gebildeter Mann von Welt, als Gelehrter und erleuchteter Prophet, der einen solchen Trubel um seine Person, wie seine Fertigkeiten, auslöste. Wenden wir uns nun, dem von Cagliostro entwickelten »ägyptischen Ritus« zu, den er selbst, wie er vor Gericht aussagte, auf der Grundlage eines Werkes, über die Freimaurerei schrieb, den er in einem Trödlerladen erstanden hatte und auf dessen Basis er nun, ein eigenes System, das seiner Ansicht nach, die wahre Botschaft des Freimaurerei verkörperte, zu Papier brachte. 

Dieses System nun enthielt, neben den klassischen Zielen der Freimaurerei, wie die Veredelung seiner Mitglieder durch gemeinsame Tempelarbeiten, die Verheißung auf ewiges Leben, im Rahmen der stufenweise erfolgenden Einführung der jeweiligen Anwärter, in die Riten der Loge. Alle fünfzig Jahre nun müsse man eine bestimmte Prozedur, ein bestimmtes Ritual durchlaufen, das einen für die nächsten fünfzig Jahre mit dem Schild der Unsterblichkeit gegen den Zahn der Zeit wappnen sollte. Mit diesem Versprechen und seiner neuen Lehre in der Tasche zog Cagliostro nun von Ort zu Ort, gründete und reformierte Logen, seine Reden hinterließen, wo er auch hinkam, bei den Zuhörern einen bleibenden Eindruck. Böse Zungen behaupteten, dass er einfach eine neue Quelle des Betrugs gesucht und nichts besseres gefunden habe als die Maurerei. Es steht jedoch jedem frei, diesen Zungen Glauben zu schenken oder sie als zeternde Neider seines Erfolges abzutun.

Seine gewöhnliche Einleitung war die, dass er Mekka, Ägypten und die entferntesten Weltenteile durchreist sei, sich die Wissenschaft der Pyramiden erworben habe, in die Geheimnisse der Natur eingedrungen und nun hier sei, um die Falschheit und die Verblendung aus den Köpfen der Anwesenden zu vertreiben, zu verjagen. Diese und ähnliche Ansprachen wusste er wohl mit einer derartigen Überzeugungskraft und dramatischen Gestik über die Reihen der Zuhörer zu schleudern, dass viele von der Wahrheit seiner Aussagen restlos überzeugt waren.

Hier nun fragt man sich wieder, ob hinter seiner Person vielleicht doch etwas von einem echten Mystiker steckte, denn viele Freimaurer priesen ihn von da ab als den erleuchteten Heilsbringer, den großen Reformator, der den Menschen endlich die Botschaft überbrachte, die sie zum wahren Glauben hinführen sollte. Ein gewöhnlicher Schwindler hätte derartiges niemals zu leisten vermocht. Dennoch waren der Anschuldigungen und fadenscheinige Ereignisse einfach oft zuviel, wenn er treuen Jüngern das Blaue vom Himmel herunter versprach und nachdem er sie, um einen hübschen Batzen Geld geprellt hatte, einfach die Stadt verließ, als dass nicht immer der Scharlatan, der Schelm, in seiner Person hervorgelugt, zum Vorschein gekommen wäre.

In keiner beglaubigten Quelle wird indessen auch erwähnt, wo Cagliostro das von ihm so oft hervorgehobene und gepriesene eigene Wissen erworben haben soll. Gut möglich, dass er es, wie er sagte, im Privatstudium auf seinen Reisen tat, genaueres verriet er jedoch nie. Überhaupt liebte es Cagliostro, die Menschen im Unklaren über seine Person zu lassen. So machte er vor seinen Anhängern auch nie mehr als rätselhafte verschwommene Andeutungen über sein bisheriges Leben und seine Herkunft. Bald gab es kaum jemanden in Europa, der nicht schon einmal seinen Namen gehört, oder ein Gerücht über seine wundersamen Taten vernommen hatte.

Seine Vorgehensweisen waren indes immer die gleichen. Kam er in eine Stadt, knüpfte er als erstes Kontakte zu angesehenen Würdenträgern des jeweiligen Landkreises, heilte die Armen, nahm die Reichen durch alchimistische Experimente und Geisterbeschwörungen für sich ein, bekehrte die ansässigen Freimaurer zu »ägyptischen Jüngern« und versuchte im Folgenden, seinen Einfluss vor Ort auszuweiten. Gelang das nicht, oder boten sich anderswo günstigere Lebensumstände, packten er und Lorenza ihre Sachen und zogen weiter.

Im Jahre 1779 kam er in das kurländische Mitau, wo er binnen weniger Monate eine derart große Faszination auf die Hofgesellschaft ausübte, dass ihm, wie es heißt, vermittels einer Palastrevolution, die Regierungsgewalt in diesem Herzogtum angetragen werden sollte. Dies lehnte er jedoch ab, mit der Begründung, dass seine Achtung vor der amtierenden Herzogsfamilie Biron zu groß sei und er keine andere moralisch gerechtfertigte Antwort in dieser Sachlage sähe, als das Angebot auszuschlagen.

Seine Gattin Serafina indes versicherte später, während des Gerichtsprozesses, er habe nur gefürchtet, dass seine Betrügereien eines Tages auffliegen und er als Hochstapler bloßgestellt werden könnte. Ihre nächste Station war St. Petersburg, wo Cagliostro sich insbesondere seinem Métier als Arzt und Wunderheiler widmete. 

Menschenmengen versammelten sich um sein Haus, die alle hofften, er könne sie von ihren Gebrechen erlösen. Die ersten, die der Graf gegen sich hatte, wohin er auch kam, waren grundsätzlich als erstes die Ärztekammern, denen arme wie reiche Patienten wegliefen und sich nicht scheuten, ihren ungeliebten Konkurrenten in der Öffentlichkeit aufs schärfste anzugreifen und zu denunzieren. Mitunter gelang es Cagliostro auch, diesen oder jenen von seinem Leiden zu kurieren. Oft beschenkte er die Armen zudem mit Almosen, was seinem öffentlichen Ansehen an weiterem Glanz verlieh, ja man pries und vergötterte ihn geradezu, den großherzigen Cagliostro, der die Mittellosen nicht nur heilte, sondern sie zudem reich beschenkte.

Ob er dies aus völlig selbstlosen Gründen oder berechnend um seines Rufes willen tat, der ihm voraus eilte, sei einmal dahingestellt. Indes waren die bedeutendsten Erfindungen, derer er sich rühmte, ein Likör, den er »Ägyptischen Wein« nannte und verschiedene andere Substanzen, die unter dem Namen »Erfrischende Pulver des Grafen Cagliostro« bekannt sind. Man meint heutzutage zu wissen, dass es sich bei dem Likör um einen mit vielen Gewürzen angemachten, gewöhnlichen Wein handele, und dass seine Pulver aus einer Mischung gängiger Kräuter hergestellt wurden, die er nur entsprechend aufbereitet und präpariert, zu horrende Preisen unter die Menschenmassen streute.

Beides, so versicherte er, sei der Gesundheit überaus zuträglich und verlängere den von Gott gewollten Lebensfaden um ein vielfaches, nehme man es nur oft genug und regelmäßig zu sich. Cagliostro hoffte wohl, seinen Einfluss eines Tages bis an den Hof der Kaiserin Katherina auszudehnen, die später gar ein Lustspiel über ihn schrieb. Doch die örtliche Administration sollte ihm ein ums andere mal einen Strich durch diese Rechnung machen.

Nach Schwierigkeiten mit den Behörden wurde er 1780 des Landes verwiesen und kam nach einem Zwischenaufenthalt in Warschau nach Straßburg. Dort lernte er zwei seiner treuesten Anhänger kennen, Kardinal Rohan und den Basler Bankier und Kaufmann Jacob Sarasin. Vornehmlich mit ihrer und der Unterstützung seiner Maurersöhne, gründete er 1784 eine Mutterloge seines ägyptischen Systems. Ihr Mittelpunkt bildete eine überlebensgroße Büste Cagliostros mit der Aufschrift: »Il divo Cagliostro« (der göttliche Cagliostro). Chronische Bescheidenheit war noch nie eine seiner Schwächen.


Graf Cagliostros langsamer Abstieg bis zu seinem tragischen Ende in den Kerkern der Inquisition

Nach etlichen weiteren Etappen ließ er sich 1785 in Paris nieder, wo er, gleichsam als Nachfolger des im Jahr zuvor abgereisten Wunderheilers Mesmer, mit offenen Armen empfangen wurde. Sein ägyptischer Ritus feierte dort außerordentliche Erfolge. Gleichzeitig wuchs jedoch die Zahl derer, die sich von ihm betrogen fühlten; Beschwerden über Täuschungsversuche und Menschen, die unter seiner Behandlung gestorben sein sollen.

Im selben Jahr nun geschah es, dass er in die sogenannte »Halsbandaffäre« verwickelt wurde, ein Ereignis, das in die Geschichte eingehen und mit seinen Abstieg einleiten sollte. Sie sei hier nur in Grundzügen wiedergegeben, um den Handlungsfaden nicht aus den Augen zu verlieren. Die Hauptverantwortliche, Jeanne de la Motte-Valois, eine Abenteurerin von kühner Gesinnung, konnte den bereits erwähnten, bei Hofe in Ungnade gefallenen, Kardinal Rohan, überzeugen, dass er seine frühere Stellung wiedererlangen könne, wenn er ein wertvolles Halsband für die Königin Marie Antoinette beschaffen könnte.

Rohan bestellte das Halsband bei einem Pariser Juwelier, bürgte für die Summe von 1,6 Millionen Livres, eine nahezu unglaubliche Summe, nach den Verhältnissen der damaligen Zeit und händigte das Halsband der Gräfin de la Motte aus. Das teure Geschmeide indes tauchte jedoch nie wieder auf; der Ehemann der Gräfin hatte es nach London gebracht und dort die Diamanten einzeln verkauft. Als bei dem Juwelier die Zahlung ausblieb wurde der Betrug offensichtlich und schlug seine Wellen in nahezu alle gesellschaftlichen und politischen Schichten. Die Öffentlichkeit war über den Skandal bei Hof und insbesondere über die mutmaßliche Mittäterschaft der Königin hell empört. Die ganze Affäre brachte die französische Monarchie am Ausgang des Ancien régime noch weiter in Verruf. 

Cagliostro, der mit der Angelegenheit deswegen in Verbindung gebracht wurde, weil sein großer Einfluss auf Kardinal Rohan bekannt war, wurde verhaftet und zusammen mit Lorenza-Serafina in der Bastille gefangengehalten. Während dieser Zeit, seiner Inhaftierung nun, schrieb er ein ca. achtzig Seiten starkes Buch, das er da nannte: »Mémoire justificative pour LE COMTE DI CAGLIOSTRO« und in dem er, die seiner Ansicht nach, wahre Geschichte seines Lebens erzählte. Andere bezeichnen es als eine Reihe von dreisten Lügenmärchen, gepaart mit ebenso phantasievollen, wie schriftstellerisch gewagten Ausschmückungen und Verherrlichungen, womit sie wohl nicht ganz unrecht hatten.

Sein Prozess endete im Jahre 1786 zwar mit einem Freispruch, doch sah er sich im Laufe des Verfahrens gezwungen, viele seiner früheren, zwielichtigen Unternehmungen zumindest teilweise einzugestehen. So musste er einräumen, dass er sich in der Öffentlichkeit oft größer gemacht hatte, als er war, um sein Ansehen als herausragender Alchimist und Geisterbeschwörer zu heben und den Personenkult, der um ihn entstanden war, zu fördern.

Nichtsdestotrotz stand das Volk bei seiner Freilassung jubelnd auf den Straßen und schrie laut: »Heil Cagliostro!« und »lang lebe der große Cagliostro!«. Doch allzu lange konnte er sich nicht in ihrem Beifall sonnen, denn kurz darauf erreichte ihn ein Schreiben, dass er auf persönliche Anordnung des Königs Ludwigs des XVI., Frankreich unverzüglich zu verlassen habe. Indes sammelte sich eine Menschenmenge um sein Haus, die bereit war, ihn mittels Waffengewalt vor der Durchsetzung des königlichen Erlasses zu schützen. Doch Cagliostro, der wohl fürchtete, Opfer einer Revolution zu werden, besänftigte sie und versprach ihnen, dass er seine Stimme anderswo erneut erschallen lassen würde.

Zusammen mit der zuvor entlassenen Serafina floh er nach London, wo er sich vorerst in Sicherheit glaubte. Doch während Cagliostro in England versuchte, wieder etwas Ruhe in seinen Alltag zu bringen und neue Pläne zu schmieden, machte sich derweil in Paris der Journalist Théveneau de Morande zu einem publizistischen Feldzug gegen ihn bereit. Von Cagliostros Gegnern angestachelt, überzog er ihn mit einer Schmutzkampagne, die bis dahin seinesgleichen in journalistischen Fachkreisen suchte. Obwohl der Graf zur Gegenattacke ansetzte, wurde in den folgenden Monaten sein ohnehin schon angeschlagener Ruf restlos zerstört. Er musste erneut das Feld räumen, unterstützt von seinen wenigen treuen Anhängern, die ihm noch geblieben waren. Dank der Unterstützung des bereits erwähnten Sarasins konnte er sich, während der Jahre 1787 und 1788, in relativer Ruhe in Basel und Biel aufhalten.

Im Herbst des Jahres 1788 gewann er in Trient das Vertrauen des Fürstbischofs Thun, indem er vorgab, in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückkehren zu wollen und begab sich, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben des Bischofs, 1789 nach Rom. Dort versuchte er in einer letzten Kraftanstrengen seinen Einfluss zurückzugewinnen und eine Freimaurerloge nach seinem ägyptischen Ritus zu gründen. Von den Autoritäten des Kirchenstaates, der die Freimaurer erbittert verfolgte, wurde er daraufhin verhaftet und wegen Häresie und anderer Delikte vor Gericht gestellt.

Die Verhöre der Inquisition, waren lang und erbarmungslos. Unter ihrer stählernen Justiz kam vieles ans Tageslicht, das im Interesse der Menschlichkeit besser hätte im Untergrund verharren sollen. Cagliostro verteidigte sich beherzt und entschlossen bis zum Ende, stand felsenfest zu seinen Überzeugungen. Doch musste er im Laufe des Verfahrens immer mehr von ihm gemachte Aussagen einschränken beziehungsweise zurücknehmen, bis er gegen Schluss sich und sein Leben in der Öffentlichkeit als gänzlich derangiert und zerfleddert ansehen musste. Dass Serafina, seine Frau, unter dem Druck des Anklägers einknickte und gegen ihn aussagte, muss ihm einen weiteren harten Schlag versetzt haben.

Sein Prozess zog sich bis ins Jahr 1791 hin und endete mit einem Todesurteil, das der Papst in lebenslängliche Kerkerhaft umwandelte. In seinem Gefängnis, der Festung von San Leo, starb Cagliostro schließlich am 26. August 1795.


Epilog:

Den Prozessakten nun verdanken wir, dass wir den Lebenslauf des Grafen recht genau zurückverfolgen können. Vieles wurde geklärt, doch das Rätsel um ihn selbst konnte auch in den schaurigen Verließen der Inquisition nicht gelüftet werden. War Cagliostro nun nicht mehr als ein windiger Gauner, der bei all seinen Unternehmungen an nichts anderem interessiert war, als sich unrechtmäßig zu bereichern, oder war er ein begnadeter Mystiker und ehrwürdiger Logengründer, der von Neidern sowie seinen Feinden zu unrecht verleumdet und in den Schmutz gezogen wurde?

Vielleicht war er auch etwas dazwischen, ein phantasievoller Glücksritter, der sich für Alchimie und mystische Lehren interessierte, dies auf etwas ungewöhnliche Art in seinen Alltag umsetzte und dabei eben nicht immer auf den Pfaden des Gesetzes und des bürgerlichen Anstandes wandelte. Man kann hier nur mutmaßen und genau werden wir es wohl nie erfahren. Sicher ist nur eins, dass wohin er auch ging, er die Menschen aufrüttelte und sie zu verschiedensten Eindrücken und Ansichten animierte. Beinahe ebenso wichtig wie die authentischen Begebenheiten, erscheinen in seinem Falle demnach die Konnotationen, die Zeitgenossen mit ihm verbunden haben.

Im deutschen Kulturraum stellt Goethes langjährige geistige Auseinandersetzung mit dem Sizilianer das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen dar. Auf seinen Reisen durch Italien tätigte der Schriftsteller, der ja selber der Freimaurerei angehörte, intensive Recherchen über den berüchtigten Grafen an und veröffentlichte, nach einem Aufenthalt bei seiner Familie in Palermo, dessen Stammbaum. Für ihn stellte Cagliostro geradezu ein Symbol für den Verfall und den bevorstehenden Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung Europas in der Zeit vor der französischen Revolution dar. Auch Schiller ließ sich von seiner Gestalt zu schriftstellerischen Taten inspirieren und veröffentlichte neben einer Kurzgeschichte »Viel Lärm um nichts« im Jahre 1787 den Roman »der Geisterseher«.

Cagliostro war sicher einer der Menschen, die sich nicht mit dem zufrieden gaben, was ihnen das Schicksal an Stand, Herkunft und weltlichem Lebenslauf aufzudrängen versuchte. Er zog als italienischer Abenteuer hinaus in die Welt, um sein Glück zu machen und er tat dies, wenn auch auf seine Weise und nicht ohne Zeit seines Lebens erhebliches Aufsehen erregt zu haben.

Heute brüsten sich viele alte Hotels und Burgen, der Graf habe auf seinen Reisen bei ihnen Einkehr gehalten und das beweist, neben allen anderen Eigenschaften, die man seiner irdischen Laufbahn zuschrieb, vor allem eines: dass sein Leben alles, nur nicht langweilig war und dass es Menschen wie ihn von Zeit zu Zeit geben sollte, damit Geschichten wie die seine im Volksmund zur Legende werden und so auf humorvolle Art und Weise die Gemüter derer erfreuen können, die mehr über ihn zu hören und zu erfahren wünschen.


verfasst von »Armont«


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