Andreae, Johann Valentin



Andreae, Johann Valentin
(1586-1654)

Der eigentliche Begründer des Rosenkreuzerbundes und wichtigster evangelischer Theologe des 17. Jahrhunderts wurde 1586 als Sohn des lutherischen Theologen Jakob Andreae, der bis zu seinem Tode im Jahre 1601 Abt von Königsbronn war, in Herrenberg (Württemberg) geboren und starb 1654 in Stuttgart. Bereits als Kind empfindlich und reizbar, aber aufgrund seines lebendigen Geistes überall gern gesehen, wurde er durch sehr verschiedene Menschen, wie z.B. durch zwei junge Ärzte seines Vaters, für vielerlei Dinge früh interessiert. Er studierte bereits in jungen Jahren Mathematik, Mechanik, Malerei und Musik; ferner wurde er in Sprachen intensiv unterrichtet.

Nach dem Tode des Vaters zog die Mutter mit ihm und ihren anderen 5 Kindern im Jahre 1601 nach Tübingen, und hier breitete er seine Studien die folgenden sechs Jahre hindurch immer weiter aus. Mästlin, der Lehrer Keplers, wurde auch sein Lehrer in Mathematik. Mit Heißhunger verschlang er alte und neue lateinische Historiker, Dichter und Redner, wie z.B. Erasmus, Frischlin, Lipsius, Scaliger, Heinsius, de Thou u.a., welche ihm in Besolds Bibliothek zugänglich waren. Er teilte, wie er selbst sagte, seine Zeit so ein, dass er die Wissenschaften den Tag hindurch und die Schriftsteller dergestalt in die Nacht hinein trieb, dass Augenleiden und Schlaflosigkeit, und – wie er meinte – auch die Schwächung seines Gedächtnisses davon die Folgen waren. Daneben konnte er einen ausgebreiteten Verkehr mit vielen und vielerlei Freunden nicht entbehren, und wenn auch die alten Anhänger und Schüler seines Großvaters es ihm an Stipendien nicht fehlen ließen, so musste er auch schon mal, zur Unterstützung der Mutter, Mitschüler unterrichten.

Siebzehnjährig (1603) wurde er Baccalaureus (unterster akademischer Grad der damaligen Zeit) und 1605 Magister. Bereits 1602/1603 schrieb er zwei Komödien, namentlich »Esther« und »Hyazinth« nach englischem Vorbild. Des weiteren verfasste er um dieselbe Zeit (ca. 1607-1609) bereits die erst 1616 gedruckte »Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz«, ein abenteuerliches Phantasiestück, welches die Leserschaft zum Aufsuchen ihrer tieferen Sinne reizen sollte.

1607-1614 bereiste der lutherische Theologe u. Satiriker als Hofmeister junger Edelleute die Schweiz, Frankreich und Italien. Entscheidend für sein weiteres Schaffen wurde ein Aufenthalt in der Schweiz im Jahre 1610. In Genf, wo er einige Jahre nach Bezas Tod ankam, sah er zum ersten Male – was ihm als Lutheraner noch ganz neu war – die Kirchenverfassung und Kirchenzucht Calvins. Er war von der hier gelebten frommen und strengen Sitte sehr angetan und genoss es, dass die dort ansässigen hervorragenden Theologen für die deutschen Streitfragen wenig Interesse hatten und ihn deshalb so freundlich entgegenkamen. Er setzte dort seine mathematischen Studien fort, erlernte die französische, lateinische, griechische, hebräische, syrisch-aramäische, italienische und spanische Sprache, las weiterhin mit großer Begeisterung die Dichter der alten und neuen Zeit und übte sich in dichterischen Arbeiten.

Hier ist er auch mit den Werken des Paracelsus, durch seinen Lehrer Besold, mit magischen Wissenschaften und mit der Utopie Campanellas bekannt geworden.

Als universal interessierter Humanist, dem auch Kunst, Mathematik, Medizin und die Juristerei nicht fremd waren, entwickelte sich Andreae zu einem utopistischen Denker, zum Planer einer Welt, die anders, besser sein würde, als alle bisherigen Gesellschaften. Des weiteren beschäftigte er sich auch mit geheimen Überlieferungen, mit esoterischen Traditionen, Alchemie und Astrologie. »Ich habe mein Schifflein auf das hohe Meer der Geschichte gelenkt«, bekannte er später; er hatte von allem gekostet, was geistige und geistliche Erbauung versprach.

Um 1605 war er zum Kreis um den Juristen und überzeugten Paracelsisten Tobias Heß gestoßen, freundete sich in der Folgezeit mit Rudolf August von Braunschweig-Wolfenbüttel, Jan Komenský – bekannt auch als Amos Comenius -, dem zur Mystik neigenden Juristen Christoph Besold und anderen, die sich für »Wahrheiten« jenseits der herrschenden Religionen interessierten, an. Unter dem Einfluss des orthodoxen lutherischen Theologen Matthias Hafenreffer und des für ein »wahres Christentum« plädierenden Lutheraners Johann Arndt entwickelte er eine religiöse Weltanschauung mit elitären, fundamentalistisch-christlichen, aber auch sozialrevolutionären Zügen. 

Andreaes mehr oder weniger offen geäußertes Ziel war es, eine geheime Gesellschaft mit 24 Männern rund um Jesus Christus als geistiges Zentrum zu schaffen. So entstand zwischen 1607 und 1609 eine gleichnishafte Dichtung, die später unter dem Titel »Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459« veröffentlicht wurde. Darin beschrieb er »Prüfungen, Einweihungen, Gefährdungen und wunderbare Errettungen« und brachte all dies in die Form einer »halb satirischen Utopie«, die sich laut F. Kemp »für eine Geheimüberlieferung ausgab« und die »Neuplatonismus, Kabbala, Alchemie, Paracelsismus und ein aus dem Geist der Mystik sich erneuerndes protestantisches Christentum« zum Inhalt hatte. Ab dem Jahre 1610 entstanden – davon ausgehend – im Andreae’schen Freundeskreis die sogenannten »Manifeste« der Rosenkreuzerbewegung – die »Fama Fraternitatis« und die »Confessio Fraternitatis«.

1614 wurde Andreae Diakon in Vaihingen. In den folgenden sechs Jahren, einer Zeit der Einkehr und des Flüchtens aus den Zerstreuungen in die Gedankenwelt seiner Studien und seiner Ideale, gelangen ihm seine weisesten und besten Schriften. Die lateinischen unter diesen übertreffen die deutschen bei weitem durch die Fülle und Eleganz der Bilder, sowie der antithesenreichen und doch so präzisen und fein nuancierten Sprache.

Bezeichnend ist in beiden, ähnlich wie unter den Zeitgenossen etwa bei Schuppius oder ein Jahrhundert später, bei Matth. Claudius, die Mischung der geistreichen Heiterkeit, die sich in ihrem eigenen Überfluss spielend ergeht, mit dem tiefen christlichen Ernst, welcher sich, als wäre er schamhaft, hinter Scherz und Witz, Fabeln und Allegorien verbirgt und diese als Vehikel für seine höheren Interessen verwendet. Klein im Umfang sind alle seine Schriften, aber »wer nur geben mag, was voll Geist und Leben und künstlerisch in der Form ist, kann keine Quartanten liefern.«

In das Jahr 1615 gehören seine »Kämpfe des christlichen Hercules«, einer ethischen Schilderung der Gefahren und Versuchungen, welche den Christen jederzeit bedrängen, allegorisierend angeknüpft an die Gestalten der Ungeheuer, welche der alte Heros eines nach dem anderen zu überwinden hatte. In dasselbe Jahr 1615 wird auch die erst 1836 wieder bekannt gewordene »Christenburg« gehören, ein deutsches Lehrgedicht, die Geschicke der Kirche und der Christen in der Welt als Geschichte einer belagerten Stadt und ihrer Verteidigungsmittel darstellend.

Im Jahre 1616 richtete er in der Komödie »Turbo« eine Satire gegen das ganze damalige gelehrte Treiben und eine noch schärfere 1618 gegen verbreitete Fehler aller Stände in seinem »Menippus inanitatum nostratium speculum«, hundert Dialogen in der anziehendsten Leichtigkeit und Kürze seines erasmischen Lateins geschrieben; ebenso 1619 in seiner »Mythologiae Christiana sive virtutum et vitiorum vitae humanae imagines«.

Das 1628 erschienene Werk »Peregrini errores«, schildert das Sichverlieren des Menschen in der Welt. In der »Civis christianus« (1619) dagegen seine Einkehr und Rückkehr in sich selbst. Schon im Jahre 1617 erschien auch seine »Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos«, welche zu einer engeren Verbindung von Freunden auffordert, die mit vereinten Kräften für Verwirklichung eines christlicheren Lebens mit Rückkehr zum Einfachen und zur Einkehr in sich selbst, mit Entlastung von Luxus und Zerstreuung, mit mehr Bruderliebe und mehr Gebet aneinander arbeiten sollen.

Als nebst diversen Flugblättern, 1616 – als dritter Rosenkreuzerband – die »Chymische Hochzeit« erschien, steigerte sich die Aufregung um die ganze Sache in der sowieso schon angeheizten Kriegsstimmung ins Unermessliche. Allzu viele Leser und Leserinnen glaubten nur zu gerne, was Andreae mit Freunden in satirischer Weise dargeboten hatte, und innerhalb kurzer Zeit entstand in ganz Deutschland ein richtiger Rosenkreuzerboom. Dies wiederum rief katholische wie protestantische Zensoren auf den Plan, die dann auch alsbald Andreae und seine Freunde als Autoren erkannten und ins Visier nahmen.

Die »Möchtegern-Weltverbesserer« wurden verdächtigt, Häretiker zu sein und hatten alle Hände voll zu tun, sich gegen derartige Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Andreae tat dies in mehreren Schriften, die stilistisch und inhaltlich an die Rosenkreuzerbände anschlossen und deren Abfassung rechtfertigen und ergänzen sollten. So in dem 1616 erschienenen »Turbo«, dem »faustischen Drama« über einen »irrenden Ritter vom Geist«, in der 1617 publizierten zeitkritischen Broschüre »Menippus« und der im gleichen Jahr in kleinem Kreis verbreiteten Buch »Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos« (»Einladung der Bruderschaft Christi an die Kandidaten der christlichen Liebe«).

In der Folgezeit wurde sein Ton deutlich kritischer. So merkte Andreae in der 1619 veröffentlichten Schrift »Mythologiae« an: »Ich habe gleichsam durch ein Spiel und Kurzweil den sinnreichen und lernbegierigen Leser mit Lust zu göttlichen Sachen anführen und lehren wollen, wie und welcher Gott das wahre und höchste Gut in allen menschlichen Dingen scheinbarlich betasten, greifen und genießen läßt.«

In dem kurz danach abgefassten »Turris Babel« verkündete der von der Entwicklung seiner Ideen enttäuschte lutherische Pastor seinen gänzlichen Rückzug aus der chaotisch gewordenen »Rosencreutzerey«: »Wohlan, ihr Sterblichen, ihr dürft auf keine Bruderschaft mehr warten. Die Komödie ist aus. Die Fama hat sie aufgeführt und auch wieder abgeführt … Wie ich die Gesellschaft der Bruderschaft zwar fahren lasse, so doch niemals die wahre christliche Bruderschaft, welche unter dem Kreuz nach Rosen duftet.«

1620 wurde Andreae als Superintendent (höherer evangelischer Geistlicher) nach Calw versetzt, wo er unerschrocken für die Erhaltung christlicher Zucht und Sitte auftrat. Hier gründete er einen Verein, den sog. »Färberstift«. Die christliche Gesellschaft, wie er sie ursprünglich gewollt hatte, kam zwar wegen des Krieges nicht zustande, aber zumindest ein großer Kreis von Freunden und Anhängern in ganz Deutschland zog viel aus diesen Schriften; am meisten unter den gebildeten Laien, während ihm dieser Beifall Anfeindung lutherischer Theologen zuzog, wie sie aus gleichen Gründen auch schon Arndt hatte erfahren müssen.

Schon fand aber auch sein Eifer für Herstellung von Kirchenzucht bei weltlichen Beamten des Inlandes Widerstand, und mit einer nicht gefahrlosen Freimütigkeit stritt er gegen deren zunehmendes Übergewicht als gegen eine schlimme Wirkung der Reformation; seine Schrift »Apap proditus« aus dem Jahre 1631 ist nicht, wie sie oft missverstanden wird, gegen den wirklichen Papst gerichtet, sondern gegen den umgekehrten und verkehrten Papa, gegen den »Cäsareopapatus« und sicher auch gegen das, was davon in Württemberg bestand und noch im Zunehmen war.

1631 hoffte Andreae, aufgrund der Siege des Schwedenkönigs Gustav Adolf, auf einen durchgreifenden Erfolg der reformatorischen Ideen und damit auch auf bessere Chancen, seine eigenen Vorstellungen in die Praxis umsetzen zu können. Er wurde jedoch auch diesmal enttäuscht. 1632 fiel der Schwede im Kampf, und kurze Zeit danach verwüstete dessen Kriegsmeute Württemberg. 1634 eroberten kaiserliche Truppen Calw, plünderten den Ort und zerstörten auch Andreaes Haus. Mit dem anschließenden Ausbruch der Pest geriet die Stadt vollends ins Chaos, und der Pastor hatte alle Hände voll zu tun, eine sinnvolle Aufbau- und Fürsorgearbeit zu organisieren. 1638 beauftragte ihn der Herzog sodann »mit der Wiederherstellung der kirchlichen Ordnung in Württemberg« und ernannte ihn am 11. Oktober zum »ersten Hofprediger«.

Schwerer wurde Andreaes Lage in Calw in den letzten Jahren seines dortigen Aufenthalts. Wie nach der Schlacht von Nördlingen 1634 durch die siegreichen kaiserlichen Heere das ganze Land in eine Wüste verwandelt wurde wie kaum ein anderes – statt einer halben Million Einwohner zählte man 1641 nur noch 48.000 – so wurde die Stadt Calw am schwersten getroffen. Im September 1634 traf Johann von Werth auf schwedische Truppenmassen, die sich hier gesammelt hatten, und bei diesem Zusammenstoß wurde die Stadt geplündert und größtenteils niedergebrannt. Auch Andreaes Haus verbrannte, darin alle seine Habe, seine Bibliothek, seine Kunstsammlungen, seine Dürer und Holbein; aber die noch größere Not, welche ihn nun umgab, ließ ihn die seinige vergessen. Er wusste große Summen für die Kranken und Verarmten herbeizuschaffen und sammelte selbst für den schwachen Herzog Eberhard III., welcher sich schon 1634 nach Straßburg aus dem Lande geflüchtet und dieses dadurch vollends preisgegeben hatte, um seine Aussöhnung mit dem Kaiser dadurch zu befördern. Seine Feder, so sagte er, ruhte in dieser Zeit der Not. Er betrachtete dies als eine göttliche Strafe für die in Polemik ausgeartete Theologie und für den Despotismus des Apap gegen die Kirche.

1639 übersiedelte Andreae mitsamt seiner Familie nach Stuttgart, wurde Mitglied der württembergischen Kirchenleitung und als Konsistorialrat verantwortlich für die Theologenausbildung und die Reformierung des kirchlichen Schulwesens. Um für dieses Amt die richtige Qualifikation zu haben, promovierte er 1641 zum Doktor der Theologie. In der Folgezeit erkrankte er oftmals und musste sich deshalb 1646 vom Verwaltungsdienst zurückziehen. Das Ende des großen Krieges 1648 erlebte er als »einfacher Prediger und Seelsorger«. Im Jahr darauf durfte endlich sein »Theophilus« gedruckt werden, und wieder ein Jahr später wurde Andreae Abt von Babenhausen.

1646 wurde er unter dem Decknamen »der Mürbe«, den er sich selbst gegeben hatte, Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, in welcher er wenig Befriedigung fand und deshalb immer mutloser wurde.

Mit der Ernennung zum Generalsuperintendent im Jahre 1651 erreichte der Stammvater des Rosenkreuzertums den Höhepunkt seiner geistlichen Karriere. Anfang 1654 folgte als letzte Ehrung die Weihe zum Abt von Adelberg bei Göppingen in Württemberg, doch war Andreae zu dieser Zeit schon schwer erkrankt. In seiner zu jener Zeit entstandenen autobiografischen »Vita« schloss er: »Jetzt, da mich der Hof und die Regierung neun Jahre lang mit all den undankbaren Sorgen und den nichtsfördernden Geschäften festgehalten, habe ich meine vierzig Kämpferjahre hinter mir.« Andreae starb am 27. Juni 1654 in Stuttgart und ahnte wohl kaum, welche weitwirkende Erbschaft er hinterlassen hatte, denn seine Rosenkreuzeridee war längst esoterisches Allgemeingut geworden, bereits damals in viele miteinander konkurrierende Gemeinschaften aufgespalten.

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Zusammenfassung:

Andreae war mit Humor und satirischer Begabung reich ausgestattet und stritt, angewidert durch das in dogmatischen Kämpfen verstrickte verödete Luthertum, wie bereits sein damaliges Vorbild Johannes Arndt, für ein werktätiges Christentum. In seiner Tübinger Studienzeit muss ihm der Gedanke zur Gründung eines Bundes erlauchter Geister gekommen sein. Hierzu hatte er 24 bedeutende Persönlichkeiten vorgesehen, die das Papsttum, den Islam und die scholastische Philosophie bekämpfen und ein reformiertes, mit der Esoterik in Einklang stehendes Christentum herbeiführen sollten.

So wollte Andreae den Mythos einer bereits 120 Jahre bestehenden Geheimgesellschaft, von einem »Christian Rosenkreutz« begründet (»Fama Fraternitatis«, oder Entdeckung der Brüderschaft des hochlöblichen Ordens des Rosenkreutzes, gedruckt anonym zu Kassel 1614; »Confessio Fraternitatis R.C.«; 1615) schaffen. Der mythische Gründer des Ordens, Christian Rosenkreutz, soll diesen Schriften zufolge, nach langen Orientreisen den Plan einer Sammlung reifer Gelehrter gefasst, jedoch zu wenig Erfolg gehabt haben. Daher wäre sein Grabmal nach seinem Tode im Jahre 1486 so gebaut worden, dass es sich nach 120 Jahren (also 1606) öffne und die Geheimnisse preisgebe.

Ein weiteres Werk, dass diesem Zweck diente, war seine Schrift »Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris can­didatos« (1617), doch blieb es beim bloßen Plan. Sein Ideal eines christlichen Staates, motivmäßig umrissen in »Hercules christiani lucius“ (1615; deutsch: Frankfurt 1845), suchte er auszugestalten in der 1619 nach Morus‘ »Utopia« ausgeführten »Christianapolis«.

Man versuchte in der folgenden Zeit immer wieder, diese geheimnisvolle Bruderschaft ausfindig zu machen. Zahlreiche magische Gruppierungen haben behauptet, ihr Nachfolger zu sein. Auf diesen mysteriösen Ordensgründer berufen sich vor allem die im 18. Jh. entstandenen Gold- und Rosenkreuzer.

Den weitaus größten Erfolg hatte jedoch die »Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459« (Straßburg, 1616), die man früher als »derbe Satire auf geheime Gesellschaften und die Alchemie« auffasste (als Beispiel sei hier D. Hölscher genannt, welcher in der »Realencyklopädie f. prot. Theol. u. Kirche« Bd.l/1896, Ndr. 1969, S.507, die Ansicht vertritt, »…dass Andreaes Rosenkreuzerschriften ursprünglich als Satire auf die mystische und alchymistische Geheimniskrämerei der Zeit gedacht gewesen wäre, doch habe sich dem Autor die Möglichkeit eröffnet, »einen Geistesbund von christlichen Freunden aus allen Ländern zu stiften… «.

Diese Gedanken entwickelte er 1617 in der »Invitatio Fraternitatis Christi ad amoris candidatos« und 1620 in der »Christianae societatis idea« sowie der »Christini amoris dextra porecta.« (Vgl. R. Kienast: »J. V. Andreae und die vier echten Rosenkreutzerschriften« (Leipzig, 1926), während man sie heute als allegorische Schilderung des geheimwissenschaftlichen Einweihungsweges und der Herstellung des Steines der Weisen ansieht.

Der Erzähler (Rosencreutz) wird zu der Hochzeit eines Königs geladen, muss viele Proben bestehen, nimmt an alchemistischen Operationen teil, belauscht aber schließlich die nackte Venus (hier wohl als Symbol der Weltenlust) und kann daher die endgültige Erleuchtung nicht erlangen. Der Schluss wurde nicht geschrieben. Andreae bricht mitten im Text mit dem Hinweis ab, in den Schriften des Rosenkreutz fehlten hier »zwei quart Blättlin«. Es wäre falsch, dieses Buch nur als satirische Mystifikation aufzufassen; handelt es sich dabei doch eher um einen utopischen Mythus, der in weiten Kreisen das Interesse an Rosenkreutz und seinem geheimen Bunde wachrief.

Der Stil des Buches ist von innerer Begeisterung erfüllt, stellenweise naiv und holprig, aber jedenfalls geistesgeschichtlich ein überaus wertvolles Zeitdokument. Andreae leugnete später die Autorenschaft der beiden anderen Rosenkreuzerschriften ab; »…wohl zu seinem Schutze und in Erkenntnis der Unerfüllbarkeit seines hohen Traumes« (Alfons Rosenberg 1957), und er rückte von seinen Ideen später auch mehr oder weniger ab, ohne jedoch zu leugnen, die »Chymische Hochzeit« verfasst zu haben. Dafür spricht sich auch H. Schick (1942/1980, S.77) im Gegensatz zu manchen Versuchen, die Autorschaft der drei alten Rosenkreuzerschriften anderen Verfassern, wie etwa Besold, zuzuschreiben, nach sorgfältiger Analyse der Argumente eindeutig für Andreae aus: »Am Schluß der »Fama Fraternitatis« steht der Spruch: »subumbra alarum tuarum Jehova«. Das ist eine Variation des Wahlspruches Andreaes in »te domine speravi, non confundar in aeternuum«. Nur eine Person, und zwar Johann Valentin Andreae, kommt somit nach Untersuchung von Form und Inhalt der drei echten Rosenkreuzerschriften als Verfasser in Frage.«

Bei Schick ab S.299 auch eine gute Bibliographie der bis 1942 greifbar gewesenen Literatur. Vgl. Chr. McIntosh: »The Rosy Cross Unveiled. The History and Rituals of an Occult Order« (Wellingborough, 1980).

Zeitgenössische Sympathisanten des Andreae’schen Rosenkreuzertums waren u.a. Robert Fludd, Elias Ashmole und René Descartes. Zu den ersten Protagonisten der Idee gehörten Michael Maier, der Leibarzt Rudolfs II., Daniel Mögling aus Konstanz und Theophilus Schweighart. Wichtig für die weitere Entwicklung der Rosenkreuzerei war der evangelische Theologe Samuel Richter alias Sincerus Renatus mit seinem 1710 veröffentlichten Buch »Die wahrhafte und vollkommene Bereitung des philosophischen Steins der Bruderschaft des Gülden- und Rosenkreuzer«. Von diesem Zeitpunkt an gab es nun Deutungen und Ausformungen der von Andreae ins Leben gerufenen rosenkreuzerischen Weltanschauung (so C. Gilly: »Legion«).

Heere von Esoterikern, Magiern und Hermetikern sind bis heute mit rosenkreuzerischen Fahnen zu Felde gezogen, haben die ursprünglichen Ideen gewandelt und gedreht, bis nur noch der Name mit der originalen Fraternitas übereinstimmte. Das moderne Rosenkreuzertum ist im Großen und Ganzen zu genau dem erstarrt, was Andreae vermutlich nie gewollt hätte, zu einem Koloss okkulter Eitelkeiten.

Von seinen späteren Schriften verdienen Erwähnung: »Christianopolis« (1619), »Turbo«, ein Drama mit faustischen Zügen (1616), die »Menippus« Dialoge (1649) und »Theophilus« (1649). Andreaes Selbstbiographie, »Andreae vita ab ipso conscripta«, erschien neu in der Ausgabe von Rheinwald, Berlin 1849 (dt. Übersetzung von Seybold, 1899).  


Werke:

Fama Fraternitatis Roseae Crucis oder Die Bruderschaft des Ordens der Rosenkreuzer, 1614;

Confessio oder Bekenntnis der Societät u. Bruderschaft Rosenkreuz, 1615;

Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz anno 1459, 1616 (neuhochdt. v. Walter Weber, 1942);

Turbo sive moleste et frustra per cuncta divagans ingenium, 1616 (ein Faustdrama; übers. v. Wilhelm Süß: Irrender Ritter vom Geist, 1907);

Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos, 1617/18;

Rei publicae christianopolitanae descriptio, 1619 (ein unter dem Eindruck der strengen Genfer Kirchenzucht entworf. Bild v. einem christl. Musterstaat);

Geistliche Kurzweil, 1619 (neu hrsg. v. Christian Achelis, 1906);

Theophilus, 1622 (3 Gespräche zw. Jh. u. Democides über Notwendigkeit u. Durchführung einer kirchl. Neuordnung; übers. v. C. Jh. Papst, 1826, u. v. V. Fr. Oehler, 1878);

Christenburg. Das ist: Ein schön geistlich Gedicht, 1826 (hrsg. v. C. Grüneisen, 1836);

Vita ab ipso conscripta, 1642 (neu hrsg. v. F. H. Rheinwald, 1849; dt. v. E. D. Seybold, in: Selbstbiographien berühmter Männer II, Winterthur 1799) – Vollst. Verz. v. M. Ph. Burk, Tübingen, 1793.  


Quellen:

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Brecht, Martin: »Johann Valentin Andreae« in: M. Greschat (Hg.): »Gestalten der Kirchengeschichte, Band 7«, Stuttgart (1982), S. 121-135

Brecht, Martin: »Johann Valentin Andreaes Versuch einer Erneuerung der württembergischen Kirche im 17. Jahrhundert«, Stuttgart (1967)

Brecht, Martin: »Johann Valentin Andreae: Weg und Programm eines Reformers zwischen Reformation und Moderne«

Brecht, Martin: »Kritik und Reform der Wissenschaften bei Johann Valentin Andreae«, in: F. Seck (Hg.): »Wissenschaftsgeschichte um W. Schickard«, Tübingen (1981), S. 129 – 151

Fritz, Friedrich: »Johann Valentin Andreaes Wirken im Dienste der württ. Kirche« in: Blätter f. württ. KG NF 32 (1928)

Glöckler, Johann-Philipp: »Johann Valentin Andreae« (1886)

Hartmann, Julius: »Johann Valentin Andreae – Leben u. Auswirkungen seiner Schriften« (1863)

Hoßbach, Wilhelm: »Johann Valentin Andreae und sein Zeitalter« (1819)

Joachimsen, Paul: »Johann Valentin Andreae und die ev. Utopie« (1926), 485 ff. 623 ff.

Keuler, Julius: »Johann Valentin Andreae als Pädagoge« (Dissertation Tübingen) (1934)

Kienast, Richard: »Johann Valentin Andreae und die vier echten Rosenkreutzer-Schriften« (1926)

Leube, Hans: »Die Reformideen in der dt. luth. Kirche z.Z. der Orthodoxie« (1924)

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Peuckert, Will-Erich: »Die Rosenkreutzer« (1928)

Scholtz, Harald: » Utopismus«. Bei J. V. A. »Ein geistliches Vorspiel zum Pietismus« (Diss. Göttingen) (1957)

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Zeller, Wolfgang: »Johann Valentin Andreae: Schriftsteller u. Erneuerer der Kirche im Dreißigjährigen Krieg« (1955)

editiert von »Signum«


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