Athanasius Kircher

Kircher, Athanasius (02.05.1602 – 28.11.1680)

Athanasius Kircher kann als ein typischer Universalgelehrter der Renaissance bezeichnet werden, der sich mit wissenschaftlichen Forschungen auf den Gebieten der Ägyptologie, Geologie, des Magnetismus, der Optik, der Alchemie, der Hermetik, der Orientalistik, der Medizin und der Musik beschäftigte und einer der herausragendsten Forscher und Erfinder seiner Zeit war.

Kircher wurde am 2. Mai 1602 – dem sog. Athanasius-Tag – in Geisa bei Fulda geboren. Seine Kindheit war nach eigenen Aussagen u. schriftl. Belegen reich an Zwischenfällen. Kircher selbst bezeichnet das Überleben dieser Vorfälle als ein wahres Wunder. Aus diesem Grunde war er auch fest davon überzeugt, dass Gott ihn für eine bestimmte Aufgabe auserkoren hätte. So schreibt Kircher in seiner Autobiografie, dass er vier mal nur knapp dem frühen Tod entronnen sei: 1. Im Alter von fünfzehn Jahren zog er sich beim Schlittschuhlaufen einen Bruch mit anschließenden Frostbeulen zu, deren Heilung sich, aufgrund der vorantiseptischen Zeit, schwierig gestaltete. 2. Ein anderes Mal wurde er im Mühlbach unter ein Mühlrad gezogen. 3. Er geriet bei einem Pferderennen unter die Hufe der galoppierenden Tiere, und 4. Er verbrachte irgendwann einmal eine ganze Nacht in einem Wald im Geäst eines Baumes.

17jährig trat Athanasius im Jahre 1618 in die Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden) ein und wurde zehn Jahre später zum Priester geweiht. Von 1629 bis 1631 war er an der renommierten Würzburger Universität Alma Julia als Professor für Ethik, Mathematik u. orientalische Sprachen tätig.

Im Jahre 1633 wurde er als Hofmathematiker Kaiser Ferdinands II. nach Wien berufen, trat diese Stelle aber nie an und zog statt dessen noch im gleichen Jahr nach Rom. Dort hatte er wiederum eine Professur für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegium Romanum inne. Aufgrund seiner bereits damaligen Berühmtheit konnte Athanasius mit Hilfe seiner weltweiten Beziehungen dort ein umfangreiches naturwissenschaftliches Museum aufbauen, das sog. »Museum Kircherianum«.

Der Jesuit Athanasius Kircher war hinsichtlich seiner hermetischen u. ägyptischen Studien fest davon überzeugt, dass die Kabbalah ägyptischen Ursprunges sei und Moses höchstpersönlich sie im alten Ägypten erlernt habe, um sie dann den Israeliten weiterzugeben. In einem seiner Hauptwerke, dem Oedipus Aegyptiacus aus dem Jahre 1658, kommt er deshalb auch auf sein systema sephiroticum zu sprechen: Entsprechend der Anzahl hebräischer Buchstaben, verbindet er mittels 22 Pfaden die 10 Sephiroth (Plural) untereinander, und jede Sephirah (Singular) repräsentiert einen eigenen Mikrokosmos, der stets die 9 verbleibenden anderen Potenzen (Sephiroth) in sich birgt. Dabei entsprechen nach diesem seinem System die sieben unteren »Sphären« auf einer kosmischen Ebene den 7 Planeten (Sonne, Mond, Mars, Jupiter, Venus, Saturn, Merkur) die obere Trinität dem Fixsternhimmel, »dem ersten unbewegten Beweger, dem höchsten Lichtfeuerhimmel.« Den zehn Sephiroth ordnet er wiederum zehn Namen Gottes, zehn Erzengel und neun Engelshierarchien zu. Kircher glaubte ebenso fest an die astrologischen Einflüsse auf die menschliche Gesundheit, die für ihn auch die Folge von Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Flutkatastrophen, Orkane, etc. waren. Er glaubte an Seejungfrauen, Greife und an die uneingeschränkte Geltung des Alten Testaments. In seiner Arithmologia sive de abditis Numerorum mysteriis aus dem Jahre 1665 (Rom) befasste sich Kircher eingehend mit den sog. »Magischen Quadraten« und stützte sich dabei auf die Ausführungen des Nettesheimer Magiers in dessen De Occulte Philosophia.

Interessanterweise ist es Kircher alleine zu verdanken, dass die ägyptischen Hieroglyphen im Jahre 1822 von François Champollion entziffert werden konnten, da Kircher damals – zur Überwindung der allgemeinen Sprachverwirrungendas Konzept einer universalen Symbolsprache entwickelt hatte. Kircher gilt ebenso als der erste Konstrukteur der sog. »Laterna magica«, des Vorläufers des heutigen Projektionsapparates. Auf ihn geht ebenso eine der ersten Mondkarten, sowie die erste gedruckte Karte der wichtigsten Meeresströmungen zurück.

Kircher beschäftigte sich an der Jesuiten-Universität zu Rom als Lehrer und Forscher auch ausführlich mit wissenschaftlicher Musiktheorie. So entwarf er einige Musikautomaten und -geräte, sowie entsprechende Anleitungen, wie diese zu konstruieren, resp. zu programmieren seien.

Kircher führte als Erster Blutuntersuchungen mit dem Mikroskop durch. Er war es auch, der richtigerweise vermutete, dass kleine Lebewesen die Pest verursachen würden. Er war der Erfinder des »Organum mathematicum«, des Vorläufers des Computers. In diesem Universalinstrument befindet sich eine Rechenmaschine und etwas mehr als 25o Holzstäbchen mit Anleitungen zu Arithmetik, Geometrie, Festungsbau, Zeitberechnung, Uhrenkunde, Astronomie, Astrologie, Geheimschriftkunde (Steganographie) und Musik.

Den Anstoß, ein Buch über die Wissenschaft von der Erde zu veröffentlichen, erhielt Athanasius Kircher als Ergebnis seiner Reise nach Sizilien im Jahr 1568, die durch die Erlebnisse von Vulkanausbrüchen noch interessanter wurde, als sie es an sich schon war. Der gleichzeitige Ausbruch des Ätna und des Vesuv brachte Kircher auf die Idee, dass die beiden Vulkane miteinander verbunden sein müssten. Um dies herauszufinden, bestieg er sie und ließ sich unter Lebensgefahr in den gasverseuchten Krater des Vesuv abseilen. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse entwickelte Kircher in seinem Mundus subterraneus das Denkmodell einer von Gott geschaffenen unterirdischen Welt, die er in zwölf Büchern beschreibt, um durch die Zahl 12 ihre Harmonie und Vollkommenheit anzudeuten.

Nachdem er im ersten Buch des ersten Bandes die Erschaffung der Welt dargestellt und die Schwerkraft behandelt hat, erläutert Kircher in seinem zweiten Buch anhand des von Tycho de Brahe entwickelten geozentrischen Weltbildes die Beziehungen der Erde zu Sonne, Mond und den übrigen Planeten. Er erklärt die Entstehung von Quellen, Bächen und Flüssen, die von großen unterirdischen Wasserspeichern gespeist werden, und lokalisiert den sagenhaften Inselstaat Atlantis, über den ägyptische und griechische Geographen berichtet haben. Die folgenden vier Bücher befassen sich mit Meereskunde, Vulkanologie, Hydrologie sowie den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde.

Im zweiten Band des umfangreichen Werkes beschreibt Kircher die Produkte der unterirdischen Welt.
Neben Versteinerungen von Pflanzen, Tieren, Menschen und Dämonen gehören dazu Gifte und Gegengifte, sowie Edelsteine, Erze und Mineralien. Nach einer scharfen Kritik an der Alchemie seiner Zeit versucht Kircher aufzuzeigen, wie die Kräfte der Natur zum Wohle des Menschen eingesetzt werden können. Obwohl ihm Kritiker vorgehalten hatten, seine Werke mit zu viel Phantasie und großer Ungenauigkeit verfasst zu haben, betrachtete Kircher Naturerscheinungen als Teile eines Ganzen, das nur durch Zusammenfassung von empirischer und experimenteller Beobachtung, literarischer Tradition und Spekulation erschlossen werden könne. Aus diesem Grunde verweist er immer wieder auf eigene Experimente, die er in seinem damals berühmten Museum durchgeführt habe und beruft sich auf die Aussagen antiker Gelehrter, deren Schriften er gelesen hatte.

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In seinem Werk Iter exstaticum coeleste(1660) unternimmt Athanasius Kircher eine imaginäre Weltraumfahrt, um mit einem himmlischen Begleiter Mond, Sonne und Planeten zu besuchen und sich das Firmament erklären zu lassen. Er stützt sich auf die Erkenntnisse von Astronomen seiner Zeit, indem er beispielsweise die Mondkarte und die Sonnenkarte von Christoph Scheiner (1575-1650) abdruckt. Seine Sonnenkarte ist jedoch reicher an Phantasie als bei Scheiner: Die Sonne ist als Feuerozean dargestellt, mit Wolken aus schwarzem Rauch – eine Interpretation der Sonnenflecken -, Feuerquellen und entweichenden Dämpfen. Auf der von Tycho de Brahe festgelegten Route erreicht Kircher die einzelnen Himmelskörper, beschreibt sie und gibt damit eine gemeinverständliche Einführung in die Kosmologie, die der damals vertretenen christlichen Schöpfungslehre entsprach.

Zu Beginn des Buches erklärt Kircher die damals bekannten Weltsysteme. Bei den von Claudius Ptolemäus (100-160), Platon (427-347), Herakleides Pontikos (388-315), auf den das ägyptische System zurückgeht, Tycho de Brahe (1546-1601) und Giovanni B. Riccioli (1598-1671) entwickelten geozentrischen Weltbildern befindet sich die Erde im Mittelpunkt des Universums. Um sie bewegen sich, wie Kircher anhand von Zeichnungen erläutert, in unterschiedlicher Anordnung auf verschiedenen Bahnen Mond, Sonne und Planeten.

Nikolaus Kopernikus (1473-1543) entwarf dagegen ein heliozentrisches System, bei dem die Planeten um die Sonne kreisen. Da aber die Kirche das kopernikanische Weltsystem verurteilt hatte, vertrat Kircher, wie die meisten Jesuiten der Zeit, das von Tycho de Brahe modifizierte geozentrische System.

Athanasius Kircher war ein Mann mit universaler Bildung in einer Zeit, in der zahlreiche andere Gelehrte ihre Entwicklungen hervorbrachten, wie etwa das Fernrohr und die Entdeckung des Magnetismus. Seine Werke sind das Ergebnis eines schöpferischen Geistes und Zeugnis seiner Epoche und ihrer geistigen Grundlagen. Durch alle Werke Kirchers zieht sich als einigendes Prinzip sein besessenes Forschen nach Ursprüngen. Die griechischen Wurzeln der westlichen Musik und die unterirdischen Quellen des Wassers und des Feuers übten gleichermaßen Faszination auf ihn aus. Als er den Vesuv besichtigte, riskierte er sein Leben, um den Krater zu untersuchen; als er in Rom lebte, erforschte er die Geschichte des antiken Latinum. Am allermeisten aber drängte es ihn, die Anfänge von Sprache und Religion zu verstehen. So rekonstruierte er auf der Grundlage des Zeugnisses des Alten Testamentes und der griechischen Geschichtsschreiber, mit gebührender Ehrerbietung vor den Kirchenvätern und den Doktoren der Kirche, die Frühgeschichte der Welt und der Menschheit. Er verfasste über 3o umfangreiche wissenschaftliche Werke, die das Ergebnis eines schöpferischen Geistes und Zeugnis seiner Epoche und ihrer geistigen Grundlagen sind.

Kircher stirbt, nach einem erfüllten u. bewegten Leben, am 27. November 1680 in Rom.


Das Museum Kircherianum
Das Museum Kircherianum wurde in Rom eingerichtet. Es trägt den Namen des Universalisten Athanasius Kircher, der zwar nicht sein ursprünglicher Gründer, dafür sein erster Kustos war. Das Museum erwuchs aus der 165o testamentarisch dem Collegium Romanum vermachten umfangreichen Sammlung ethnologischer und antiker Funde des römischen Senatssekretärs
Alfonso Donnino. Für die Unterbringung der Objekte wurde im Jahre 1651 ein bis dahin offener Arkadengang im Collegium Romanum zugemauert und Kircher übernahm die Aufgabe, die Sammlung zu ordnen und zu verwalten.

Die angehäuften Raritäten in der »Wunderkammer« vergrößerten sich durch Zusendungen von Kuriositäten durch Ordensbrüder aus aller Welt, Geschenke von Antiken und die von Kircher für seine Experimente gebauten und erdachten Instrumente und technischen Erfindungen. Ein Besuch im Museum Kircherianum mit den Skeletten, Obelisken, Skulpturen und Bildern, sowie den Führungen und Vorführungen durch den Hausherrn, gehörten bald zum Programm gebildeter Rombesucher – Athanasius Kircher lebte in einem Zeitalter der Wunder- und Kunstkammern.

Die Kunstkammer war ein Modell der Welt, das man sich in einem Raum seines Schlosses aufbaute. Damit wollte man die Idee des Kosmos nachvollziehen, das Universum im Kleinen selbst erkennen können. Das Zeitalter der Wunder- und Kunstkammern ist aber auch das Zeitalter der Universalwissenschaft. Und diese Universalwissenschaft in Bewusstsein und Praxis findet auch bei Athanasius Kircher in seiner wissenschaftlichen Sammlung ihren Ausdruck.

Das Museum wurde im Jahre 187o vom italienischen Staat übernommen und im Jahre 1915 aufgelöst, wobei die einzelnen Bestände auf verschiedene Museen Roms aufgeteilt wurden. Im Jahr 2oo1 veranstaltete das Zentralinstitut für Archivgüter in Rom die Ausstellung Il museo del mondo im Palazzo Venezia, wo versucht wurde, einen Großteil der in alle Winde verstreuten ursprünglichen Sammlung des »Museum Kircherianum« für eine kurze Zeit erneut zusammen zu führen.


Bildarchiv:
Athanasius Kircher: Buchseiten 34, 88 des mundus subterraneus
Athanasius Kircher: Buchseite 67 des mundus subterraneus
Athanasius Kircher: Exposé Magia Hieroglyphica, Klasse XI (Ägypten)
Athanasius Kircher: Exposé Babelturm
Athanasius Kircher: Exposé Das innere der Erde
Athanasius Kircher: Exposé Camera Obscura
Athanasius Kircher: Exposé Drache
Athanasius Kircher: Exposé Klangschnecke
Athanasius Kircher: Exposé Laterna Magica
Athanasius Kircher: Exposé Mondkarte
Athanasius Kircher: Exposé Seejungfrau
Athanasius Kircher: Frontispiz Iter Exstaticum Kircherianum

Quellen:
Athanasius Kircher: »Oedipus Aegyptiacus«, Folioband II, Abhandlung 1, Rom 1658
Gershom Scholem: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«, S. 227 ff., Frankfurt, 1980

 

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