Gustav Meyrink

Meyrink, Gustav, geb. als Gustav Meyer (1868-1932)

Gustav Meyrink (geborener Meyer) wurde am 19.Januar 1868 in Wien als Sohn des württembergischen Ministers Carl Freiherr von Varnbüler und der Hofschauspielerin Maria Meyer geboren. Er war Schüler im Wilhelms-Gymnasium in München, am Johanneum in Hamburg und schloss seine Gymnasialzeit in Prag ab. Dort gründete er gemeinsam mit seinem Neffen Christian Morgenstern 1888 das Bankhaus «Meyer und Morgenstern». Er war in dieser Stadt ein gern gesehener Gast auf Gesellschaften, erwähnt aber auch, dass er ein gefürchteter Zeitkritiker mit außergewöhnlichen Hobbys – zu welchen z.B. auch das Duellieren zählte – war. Dies lässt erkennen, mit welchem Charisma er es verstand, sich in den Mittelpunkt der verfeindeten Prager Boheme zu setzen. Meyrink führte also kein typisches Mystikerleben, bedenkt man, dass Kenner Gustav Meyrink als den bedeutendsten Mystiker der Jahrhundertwende in Europa bezeichnen.

1891, als er in seinem bisherigen, zeitweise als Lebemann und Dandy geführten Leben keinen Sinn mehr sah, wurden ihm während der Vorbereitung zu einem Selbstmord einige okkulte Schriften unter seiner Wohnungstür durchgeschoben, die er zu lesen begann und die in ihm das Interesse für das Okkulte, das heißt für die dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgenen Bereiche des Lebens, erweckten.  

Er wurde Mitglied mehrerer geheimer Gesellschaften, Orden und Bruderschaften (z.B. der Freimaurer und der Rosenkreuzer), hatte zahlreiche persönliche Kontakte zu Mitgliedern geistiger Schulen (so z.B. zu dem Weber und Mystiker Alois Mailänder (1844-1905), dem Prager Okkultisten Karl Weinfurter (1870-1942) und Rudolf Steiner (1861-1925)) und anderen aus dem Ausland. Meyrink studierte nahezu alle Bücher über Magie, Okkultismus, Alchemie, Yoga und Mystik, die er erhalten konnte. Jedoch musste er bald erfahren, dass es in diesen Schriften niemanden gab, der wahre Einsicht in das geistige Reich besitzt. Das ist insbesondere dann sehr problematisch, wenn der Suchende Hilfe für sein weiteres Vorgehen auf dem geistigen Weg benötigt. Dennoch fand er – durch seine stets kritische Beurteilung aller Vorgänge in seinem Umfeld und durch seine unermüdlichen Bemühungen – für sich selbst praktische Übungen, die ihm Türen zum geistigen Reich öffneten.

Im Jahre 1891 war Meyrink Mitbegründer der theosophischen Loge Zum blauen Stern in Prag.  

Es war auch jene Zeit, in der er seine Berufung als Schriftsteller erkannte. In dem späteren Dichter gab es aber auch eine zweite Seite, die ihn unaufhaltsam zum Numinosen, zum Transzendenten hinter den Erscheinungen, hinzog. Es scheint, dass Meyrink vorgedrungen ist bis hinter die «Bollwerke, die das ewig wache Ich verbergen», was «Sehern wie Goethe, Schopenhauer und Kant nicht gelang, weil sie die Waffen nicht besaßen, um die Festung zu erstürmen, hinter der sich das ewig wache Ich verbirgt«. Es scheint, ihm ist es gelungen. Seine Schriften lassen es vermuten, deuten es oftmals nur dezent an. Selten spricht Meyrink Klartext. Germanisten können sein literarisches Werk nicht einordnen. Sie rätseln: Was will er uns sagen?

In Prag, Wien und München, seinen Hauptwirkungsstätten, hatte Meyrink viele Kontakte zu Künstlern und Literaten. Er kannte auch Erich Mühsam (1878-1934), dem er, wie Mühsam selbst berichtete, vorausgesagt haben soll, dass jener den Krieg würde gut überstehen, vor einer Revolution aber müsse er sich hüten (als Mitglied des Zentralrates der Münchner Räterepublik wurde Mühsam zu 15 Jahren Festung verurteilt). Literarische Ambitionen, parapsychologischer Forscherdrang und okkultistische Neigungen bestimmen Meyrinks Werke gleichermaßen. Bekenntnis und wissenschaftliche Aussage sind derart ineinander verschmolzen, dass es unmöglich ist, das parapsychologische vom literarischen zu trennen. Meyrinks paranormale Fähigkeiten (»Ich selbst habe beobachten können, dass ein Seifenbüchschen mehrmals durch meine Hand hindurchging«, 1923), seine grenzwissenschaftlichen Interessen (lediglich der Astrologie stand er ablehnend gegenüber) und seine literarischen Sujets müssen vor dem Hintergrund persönlicher komplizierter psychischer Konstellationen (Mutterfixierung, Kompensation des Makels der unehelichen Geburt und anderes mehr) gesehen werden. C. G. Jung nannte ihn einen visionären Dichter und drückt damit die Überzeugung aus, Poesie biete einen (außerwissenschaftlichen) Zugang zur Welt des Paranormalen.

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Er war stets ein wachsamer und kritischer Beobachter, und in einer Zeit, in der der Spiritismus, das heißt die Kontaktaufnahme mit Geistern aus dem Jenseits, seine Hochkonjunktur hatte, musste er feststellen, dass bei nahezu allen solchen Sitzungen nur Tricks angewendet wurden, oder Selbsttäuschung im Spiel war. Allerdings gab es auch einige echte Medien, die gewisse Erscheinungen hervorrufen konnten. Während einer Sitzung mit Eva C. nahm er Ektoplasma (Gespensterklebstoff wie A. Talhoff im Vorwort zu Meyrinks »Golem« 1946, schreibt) an sich und ließ es hinterher analysieren (es wurde Eiweiß festgestellt). 

Ektoplasmien bezeichnen das Austreten feinstofflicher Substanzen aus Körperöffnungen von Medien während einer Séance. 

Nach einem Spukerlebnis meinte Meyrink: »Ich wurde Augenzeuge derart krasser mediumistisch-physikalischer Vorgänge in einem Spukhaus in Levico, dass kein Zweifel mehr für mich bestehen konnte: es gibt, wenn auch sicher sehr selten, Phänomene, die alles, was die Wissenschaft über die Gesetze des Stoffes zu wissen vermeint, sozusagen auf den Kopf stellen.«

Meyrink beschäftigte sich mit Exteriorisationen (lat. »Entäusserung«, ein Zustand, in dem sich der Astralleib außerhalb des irdischen Leibes befindet), alchimistischen Transmutationen (lat. »Umwandlung«, eine chemisch nicht erklärbare Verwandlung eines Stoffes mittels alchemistischer Prozesse). Er erzielte chemisch nicht erklärbare Farbwechsel in der Retorte und verzeichnete ASW-Phänomene (ASW = außersinnliche Wahrnehmungen: z.B. Präkognition u. Telepathie) unter Drogeneinfluss und mittels intensivem Yoga.

Seine ersten Selbstversuche mit Haschisch bereiteten ihm nur Übelkeit. Über einen Händler aus Kairo erhielt er eine weitere Quantität der Droge mit der Anweisung, er müsse 30 Gramm davon in schwarzem Kaffee auflösen und dann trinken. Dabei solle er einen Bambusstab in die Hand nehmen: wenn der Keph (Rausch) eintritt, werde er die Empfindung bekommen, der Stab sei eine Leiter. Auf dieser Leiter müsse er hinaufklettern… Meyrink fragte: »Wohin komme ich dadurch?«. Antwort: »In den Himmel!«  

Auf Anraten eines Arztes, der diesen Versuch für lebensgefährlich hielt, nahm Meyrink im ersten Versuch nur 10 Gramm. Er erlebte ein Gefühl des Wachsens, einen kalten Rausch, die Sinne schienen außerordentlich geschärft. Leise Geräusche hörte er wie Donner. Von Ekstase irgendwelcher Art keine Spur. Vielmehr nahm eine seelische Nüchternheit von ihm Besitz, wie er sie nie vorher im Leben gekannt hatte, … so dass er zeitweilig glaubte zu fliegen. Meyrink sah sich plötzlich selbst in einer asiatischen Tracht. Das Bild zerriss, da einer der Anwesenden einen Beweis für Hellsehen verlangte. Gerade als Meyrink antworten wollte: »Ich wüsste nicht, wie ich das anstellen sollte…«, tauchte vor ihm ein Bild auf:  

Er sah einen verspäteten Gast, beschrieb Kleidung, Verhalten, Blick auf die Uhr, Besteigen einer Droschke usw. – der Betreffende bestätigte nachher das Gesicht. Ein anderer Besucher fragte nach Börsenkursen. Meyrink diktierte 20 Notierungen vom künftigen Dienstag: Nordböhmische Kohlen, diktierte ich eiskalt und geradezu gelangweilt, Nordböhmische Kohlen-Aktien: 414! – Dummes Zeug! murmelte Herr von Unold, heute noch mit 394 aus Wien gemeldet …  Die Angaben für 16 Papiere erwiesen sich als richtig, sie stimmten nicht für die 4, von denen Meyrink selbst welche besaß. Bei eigenen körperlichen Leiden (Rückenmarkserkrankung, Zucker) erzielte Meyrink Besserung durch Yoga, den er nicht als Anfang eines Weges, sondern als dessen Ende betrachtete. Ein seelisch-geistiger Zustand geht ihm voraus, in dem diese Atemeinstellungen, Herzstillstand usw. ganz von selbst auftreten. Systematisch versuchte Meyrink, sich der inneren Schau zu nähern:

»… führte ich durch drei Monate das Leben eines beinahe Wahnsinnigen, aß nur Vegetabilien, schlief nicht länger als drei Stunden in der Nacht, genoss zweimal täglich einen in Wassersuppe aufgelösten Esslöffel voll Gummi arabicum (dies soll besonders wirksam sein zur Entwicklung des Hellsehens!), machte um Mitternacht schmerzhafte Asana-Stellungen mit verschränkten Beinen, dabei den Atem anhaltend, bis schaumiger Schweiß meinen Körper bedeckte und der Tod des Erstickens mich durchrüttelte.«

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Die erste Vision erlebte er auf einer Bank an der Moldau: stundenlang hatte er in den Himmel gestarrt, als ihn plötzlich die Frage nach der Uhrzeit durchzuckte. Im Moment des Herausgerissenwerdens aus der Versenkung hatte er dann das visionäre Erlebnis: Am Himmel sah er eine riesige Uhr, die die Zeit angab. Dabei verspürte er eine Verlangsamung des Pulses: das wunderbare Gefühl, eine Hand hielte mein Herz fest. Es gelang ihm, solche Erlebnisse zu wiederholen. Die Empfindungen dabei beschreibt Meyrink nicht als traumartig, sondern als einen Zustand abnormen Wachseins.  

Nichtsdestotrotz bezeichnete Meyrink den Spiritismus als eine Seuche, von der viele geistig Suchende befallen werden, und statt der Kontaktaufnahme mit Verstorbenen, lauern auf die solchermaßen in die Irre geleiteten Sucher hinter unterschiedlichen Masken ganz andere Wesen, von denen er eines in seinem Roman »Der weiße Dominikaner« (1921) als das verborgene Gesicht der Medusa bezeichnete.

Für den Praktiker eines geistigen Weges ist sein Werk eine Fundgrube. Wohl muss man oft die Fähigkeit besitzen, zwischen den Zeilen lesen zu können, um die Bedeutung des Geschriebenen zu verstehen. Die Handlungen und Figuren seiner Romane und Novellen sind sehr skurril. Für viele eine fragwürdige literarische Qualität. Doch Meyrink wird an solchen Ehren nichts gelegen sein. Er war Rufer für das Aufwachen des Menschen! Sein ganzes Leben widmete er dem Studium: »…wie findet die Menschheit heraus aus Knechtschaft, Versklavung, Schlaf und Tod zum Übermenschentum, zur Allmacht!« Und er war Praktiker. Er musste alles erproben, war in unzähligen Logen und esoterischen Schulen, denn er wollte es nicht machen »wie die Vielen, die da nichts prüfen – und das Erstbeste wählen und behalten«.

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In seinen Schriften findet man eine gewisse »Magie« der Worte. Das Suggestive in ihnen kann den Praktiker eines geistigen Weges nicht unberührt lassen. Seine Hinweise fordern auf, etwas zu tun: »Tu Du es auch, aber bewusst…«.

Seine Romane, Kurzgeschichten und Novellen sind gespickt mit Erkenntnissen eines absolvierten Yogaweges. Oftmals versteckt, offenbaren sie sich erst nach wiederholtem lesen.

Manchmal spricht Meyrink auch allgemein verständliche Worte: zwei Stellen in seinem Werk sind besonders hervorzuheben. Eine Schlüsselstelle befindet sich im Roman Walpurgisnacht (1917) und legt den Wert der inneren Freude für das Wachstum des sich geistig bemühenden Menschen dar.

Ich möchte diese Textstelle zitieren:
»Mein Lied ist eine ewige Melodie der Freude. Wer die Freude nicht kennt – die reine grundlose freudige Gewissheit, die Ursachlose: Ich bin, der ich bin, der ich war und immer sein werde -, der ist ein Sünder am Heiligen Geist. Vor dem Glanz der Freude, die in der Brust strahlt wie eine Sonne am inneren Himmel, welchen die Gespenster der Dunkelheit, die den Menschen als die Schemen begangener und vergessener Verbrechen früherer Leben begleiten und die Fäden seines Schicksals verstricken. Wer dieses Lied der Freude hört und singt, der vernichtet die Folgen jeglicher Schuld darauf. Wer sich nicht freuen kann, in dem ist die Sonne gestorben. Wer könnte ein solches Licht verbreiten? (—). Versuch’s nur und freue Dich!«

So mancher, der es versucht, fragt: »Worüber soll ich mich freuen?« Die Freude braucht keinen Grund, sie wächst aus sich selbst, wie Gott; Freude, die einen Anlass braucht, ist nicht Freude, sondern Vergnügen. – So mancher will Freude empfinden und kann nicht – dann gibt er der Welt und dem Schicksal die Schuld. Er bedenkt nicht: eine Sonne, die das Leuchten fast vergessen hat, wie könnte die mit ihrem ersten schwachen Dämmerschein schon die Gespensterschar einer tausendjährigen Nacht verjagen? Was einer sein ganzes Leben hindurch an sich selbst verbrochen hat, lässt sich nicht gutmachen in einem einzigen Augenblicke! Doch in wen einmal die ursachlose Freude eingezogen ist, der hat hinfort das ewige Leben, denn er ist vereint mit dem »Ich«, das den Tod nicht kennt – der ist immerdar Freude, und wäre er auch blind und als Krüppel geboren. – Aber die Freude will gelernt sein – sie will ersehnt sein, aber was die Menschen ersehnen, ist nicht die Freude, sondern – der Anlass zur Freude. Nach ihm gieren sie und nicht nach der Freude an sich.«

Die zweite Stelle, in der Meyrink ganz klare, deutliche Worte schreibt, findet sich im Roman: »Das grüne Gesicht« (1916). Sie beginnt mit den Worten: «Wachsein ist alles!» Dies war offenbar auch die Überschrift seines Lebens. Beißender Spott traf all jene, die »Aalen gleich, den Strom abwärts trieben zum Laichen, den Fischern in’s Netz«. Krank nannte er alles, was nicht das Wachsein förderte: Mediumismus, Trance, getrübte Sinne. Auf dem Weg zum Übermenschentum ist kein Platz für süßliche Sentimentalität! Eine immer lückenlosere Selbstbeobachtung auf immer feinere Bereiche des menschlichen Wesens ausgedehnt, ist sein Werkzeug zur Wahrnehmung der Wirklichkeit. Buddha lehrte es und vielleicht vor ihm schon viele andere.

Es ist verständlich, dass ein Mensch seiner Bedeutung ein wechselvolles Schicksal hatte. Das Establishment fühlte sich durch seine kritischen Artikel in Zeitschriften, wie dem Simplicissimus (er war von 1901-1909 Feuilletonist und Lustspielautor dieser Zeitschrift)  häufig beleidigt. Dies führte dann eben auch dazu, dass Meyrink auf Grund einer Verleumdung sein Bankgeschäft verlor. Er kehrte Prag den Rücken zu und ließ sich nach einer Zeit des Reisens 1911 mit seiner zweiten Frau in Starnberg nieder, wo er am 4.12.1932 verstarb. Seinen Grabstein ziert die Inschrift: »VIVO – Ich lebe!«

Meyrinks Werke waren keine literarischen, sondern prophetische Anliegen: er wollte seinen Zeitgenossen die Wirklichkeit des Jenseits nicht in Form einer Predigt, sondern eines absurden Erlebens, einer Doppelgründigkeit ähnlich wie Kafka (1883-1924) darstellen, sie an- und aufregen, damit der durch die Aufklärung vollzogene Bruch zwischen Todeswelt und Lebenswelt überwunden werde. Sein Roman Das grüne Gesicht schließt mit den Worten, die auch das Motto seines Lebens sein könnten: »Er war hüben wie drüben ein lebendiger Mensch«.

Gurdjieff (1873-1949) wollte den Menschen durch Arbeit an sich selbst dazu bringen, die neue Bewusstseinslage zu erreichen, in welcher allein der Mensch der technischen Zivilisation gewachsen ist; Meyrink versuchte in der Phantasie Diesseits und Jenseits so zusammenzuschließen, dass beide Welten für seine Leser unbemerkt wieder zusammenflossen.

Sein literarisches Wirken: Neben zahlreichen Kurzgeschichten, die in Zeitschriften, wie dem Simplicissimus oder Lieber Augustin, veröffentlicht wurden, war Meyrink auch als Übersetzer von Charles Dickens, Flammarion, Kipling u.a. tätig.

Sein erster Roman war: Der Golem (1915),

Es folgten:

Das grüne Gesicht (1916),
Walpurgisnacht (1917),
Der weiße Dominikaner (1921),
Der Engel vom westlichen Fenster (1927),
Des deutschen Spiessers Wunderhorn,
Fledermäuse: Fragmente und Aufsätze,
Das Haus zur Letzten Laterne (Erzählungen und Berichte).

editiert von »Signum«


Quellen:
Gustav Meyrink: »Das grüne Gesicht«; »Der Golem«; »Walpurgisnacht«; »Fledermäuse«
Frans Smit: »Gustav Meyrink – Auf der Suche nach dem Übersinnlichen«, Knaur 1990

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