Hartmann, Franz

Hartmann, Dr. Franz (1838-1912) 

Dr. Franz Hartmann wurde am 22.11.1838 in Donauwörth (Bayern) geboren und starb am 7.8.1912 in Kempten (Allgäu); die bekannteste deutsche Persönlichkeit in der Theosophie und gleichzeitig der nüchternste Interpret der theosophischen Weltanschauung.

Dr. Franz Hartmann ist mit der theosophischen Bewegung eng verbunden; gehörte er doch dem kleinen Kreise an, der, um H.P. Blavatsky stehend, berufen war, während der Hochblüte des Materialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die theosophische Weltanschauung zu verkünden und der in Nichterkenntnis und Selbstsucht versunkenen Menschheit das verloren gegangene Ideal – die Theosophie – wiederzugeben. Ganz besonders groß ist die Bedeutung Franz Hartmanns für die theosophische Bewegung in Deutschland, der er die letzten 20 Jahre seines Wirkens gewidmet hat.

Da Hartmanns Vater bald als königlicher Gerichtsarzt nach Kempten verpflichtet wurde, siedelte die Familie dorthin über, wo dann auch Franz Hartmann seine Jugendjahre verlebte. Der Knabe hatte von Jugend an eine mystisch veranlagte Natur. Durch seine, zu übersinnlicher Wahrnehmung fähigen Sinne sah er die Geister der Natur, die Gnomen, Sylphen und Nymphen, mit welchen er freundlichen Umgang hatte. Seiner Veranlagung nach ist es erklärlich, dass er sich widerwillig in das Erlernen von Dingen fügte, für die er kein Interesse hatte. Nur zwei Schulfächer interessierten ihn wirklich: Sprachkunde und Naturwissenschaft, von der letzteren besonders die Chemie, deren geheimnisvolle Kräfte ihn auf das Wirken eines mächtigen, erhabenen Lebens hinwiesen, das sich hinter der Oberfläche des Stoffes verbirgt.

1859 meldete sich Hartmann freiwillig zur bayerischen Armee und diente in Würzburg; 1860 ging er an die Universität München, um Pharmakologie zu studieren und sich auf den Apothekerberuf vorzubereiten.

Im Jahre 1865 machte er eine Reise nach Paris und Le Havre, wo ihm die Stelle eines Schiffsarztes auf einem amerikanischen Kreuzer angeboten wurde, die er aus Lust an Abenteuern annahm. In St. Louis ließ er sich nieder, vollendete seine medizinischen Studien vollends, erwarb sich den Titel Dr. med., sowie das amerikanische Bürgerrecht und errichtete eine Augenklinik. Obgleich es ihm hier sehr gut ging, trieb es ihn nach fünfjähriger Tätigkeit von neuem in die Ferne, so dass er seine Praxis aufgab und St. Louis verließ. Der Drang nach Erkenntnis der Wahrheit ließ ihn nicht zur Ruhe kommen; er wollte des Lebens Sinn und Zweck erfassen; aber weder die Naturwissenschaft, die sich ja doch nur mit den äußeren Erscheinungen des Lebens befasst, noch die keines Beweises fähigen theologischen Glaubenssätze konnten seinen Drang nach Erkenntnis befriedigen.

Franz Hartmann, dem stets eine intuitive Kraft für die Gesetzmäßigkeit und Wahrheit des Lebens eigen war, erkannte, dass der Materialismus eine Verirrung war, und dass man auf dem Wege der verstandesmäßigen äußeren Beobachtung niemals zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen kann.

Ruhelos trieb es ihn umher, er besuchte das Wunderland Mexiko, lebte in Cordova und Orizaba, lernte Indianerstämme kennen, von denen er freundlich aufgenommen wurde. Im Jahre 1871 machte er auf einer Reise die Bekanntschaft eines Adepten, ohne ihn damals als solchen zu erkennen, der im Besitz eines höheren Wissens war und ihm vieles über sein späteres Leben voraussagte. In New Orleans, Texas und Colorado übte er eine ausgedehnte ärztliche Praxis aus. 1873 zog er sich nach Texas aufs Land zurück, wo er ein Gut kaufte und die Schwester der Frau eines benachbarten Gutsbesitzers heiratete, die jedoch schon sieben Monate nach der Verheiratung starb, worauf Hartmann sein Besitztum verkaufte und wieder in die Ferne zog. 

Für die Entwicklung Franz Hartmanns und für seinen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit war sein Bekanntwerden mit dem damals in Amerika mächtig auftauchenden Spiritismus von großer Bedeutung. Franz Hartmann schreibt selbst, dass wohl schwerlich jemand in Amerika oder Europa zu finden sei, der von spiritistischen Phänomenen mehr gesehen habe als er. Er machte jedoch die Erfahrung, dass die Phänomene einen ganz anderen Ursprung haben als der oberflächliche Beobachter glaubte. Die einzigen zuverlässigen Mitteilungen Verstorbenen, die er erhielt, stammten von Selbstmördern. Meistens stammen die Kundgebungen von Elementarwesen, die sich mit Vorliebe berühmter Namen bedienen, wobei Neigung und Phantasie des Mediums das übrige taten. So war auch der Spiritismus nicht imstande, das Daseinsrätsel zu lösen und Aufschluss über des Lebens Zweck nach dem Tode, das Problem des Schicksals usw. zu geben. Vielmehr erkannte Franz Hartmann, dass die Mediumschaft kein erstrebenswertes Ziel ist, vielmehr ein unnatürlich krankhafter Zustand von Besessenheit und Willensschwäche; musste er doch mit ansehen, wie die ihm nahestehenden Medien schließlich an Auszehrung, Erschöpfung und im Wahnsinn zugrunde gingen.

1881 ging er nach Georgetown, wo er Mitglied der Loge Georgetown No. 12 (im Schrifttum zuweilen als Loge »Washington« angegeben) wurde.

18 Jahre hat Franz Hartmann in Amerika gelebt und auf seinen weiten Reisen Zivilisierte, Weiße und Schwarze, Gläubige und Ungläubige, Mormonen, Shakers, Freidenker und Spiritisten kennengelernt und Gelegenheit gehabt, seine Weltanschauung zu erweitern, doch fand er in allen nicht, was er suchte.

1882 erhielt Hartmann ein Exemplar der Entschleierten Isis von H. P. Blavatsky, wodurch er mit der Theosophie Bekanntschaft machte. Ein Werk, dass ihm diejenigen Erklärungen aufzeigen sollte, die er in aller Welt gesucht hatte.

1883 wurde er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in Amerika und hatte den Wunsch, nach Indien zu gehen, um aus der Quelle der Weisheit zu schöpfen und mit den geheimnisvollen Adepten in Beziehung zu treten.

hartmann

Da gelangte an ihn unerwarteter Weise ein Ruf aus Indien, indem auf Veranlassung des Meisters Morija Franz Hartmann durch einen Brief Olcotts, des Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft in Adyar, aufgefordert wurde, nach Indien zu kommen, um in Abwesenheit des Präsidenten dessen Amt zu versehen. Am 11. Oktober 1883 verließ er San Franzisko und kam nach kurzem Aufenthalt in Japan und China am Ende des Jahres (am 4.12.1883) in Madras an. Er wurde mit Blavatsky, Subba Row und anderen Mystikern befreundet und kam mit gelehrten Brahmanen, okkulten Forschern und sogar Adepten in Beziehung und wurde schnell engster Mitarbeiter von Olcott und H.P.Blavatsky und schließlich der administrative Leiter der Zentrale. Die Verbindung mit den Adepten war eine beständige. Franz Hartmann wurde mit der theosophischen Weltanschauung vollends vertraut, lernte die Geheimlehre der Weisen kennen und war der treue Mitarbeiter Blavatskys. 1883 trat Hartmann offiziell zum Buddhismus über.

Nach den Auseinandersetzungen um Blavatskys geheimen Schrank und die sog. »Meisterbriefe« musste H. P. Blavatsky Indien verlassen; Hartmann begleitete sie auf der Schiffsreise mit dem Dampfer »Tibre« nach Neapel. 

Am 1. April 1885 verließt er Indien, um in Begleitung Blavatskys nach Europa zurückzukehren. Der Weg ging über Italien nach Deutschland, wo sich H.P.Blavatsky in Würzburg aufhielt, während Franz Hartmann am 20.5.1885 in seine Heimatstadt Kempten zurückkehrte. Dieser Besuch sollte ein vorübergehender sein, denn Hartmann hatte die Absicht, Deutschland wieder zu verlassen, wurde aber für eine Inhalationsanstalt gegen Tuberkulose in Hallein gewonnen, deren Direktor er wurde. Seitdem hat er Europa nicht wieder verlassen und bis zu seinem Tode (7. August 1912) fast ausschließlich in Deutschland für die theosophische Bewegung gewirkt.

Hartmann kam zu der Erkenntnis, dass in Deutschland eine völlig neue Theosophische Gesellschaft ins Leben gerufen werden müsse, um sich von den Schatten Adyars zu befreien. So gründete Hartmann im Jahre 1896 die Deutsche Theosophische Gesellschaft, für die er 1898 von Frau Tingley – der Nachfolgerin H. P. Blavatskys – als Präsident eingesetzt wurde. Die von Hartmann initiierte Theosophische Gesellschaft trat damit die direkte geistige Erbschaft von H. P. Blavatsky an.

Als internationale Plattform der theosophischen Arbeit gründete Hartmann am 3.9.1897 die Internationale Verbrüderung (I.T.V.). 

Hartmann war auch mit Dr. Karl Kellner – Gründer des O.T.O. (Ordo Templi Orientis) – bekannt, dem Chemiker, der als erster Ligno-Sulfit für die Zelluloseherstellung verwendete. Aus einem Nebenprodukt gewann Hartmann dann ein Heilmittel gegen Lungenkrankheiten, das er in einer Inhalationsanstalt in Hallein (bei Salzburg), deren Direktor er einige Zeit war, praktisch erproben konnte. 

Hartmann hat zahlreiche Schriften über Theosophie und verwandte Themen hinterlassen (wie z.B. sein Psychometrisches Experiment); er wies auf den unvergänglichen Wert der östlichen Philosophie hin und gab selbst zwei gute Übersetzungen der Bhagavad Gita, eine in Prosa und eine in Versen, heraus.

Seine ersten Werke erschienen übrigens zunächst in englischer Sprache und wurden erst später (wenn überhaupt) ins Deutsche übersetzt. Sein umfangreichstes Werk sind die Lotosblüten, eine Zeitschrift, die Hartmann mehrere Jahre hindurch herausgab und größtenteils selbst schrieb. Ab 1908 führte die Zeitschrift den Titel Neue Lotosblüten. Ein großer Teil der unter dem Namen Hartmann erschienenen Bücher und Broschüren sind übrigens Nachdrucke von Aufsätzen aus seiner Zeitschrift. 

Seine Schriften zeugen davon, dass er ein ausgesprochener Verstandesmensch war, der die Theosophie intellektuell mit einer ganz seltenen Schärfe erfasste und sie dabei mit nüchterner und unerbittlicher Logik vertrat. Seine Klarheit, Kürze und Unzweideutigkeit, mit der er die theosophischen Lehren vertrat, dürften bis heute unerreicht geblieben sein. Stets hat er es vermocht, das Tatsächliche und Nüchterne in den Vordergrund zu stellen, sich nie vom bloßen Schein bestechen zu lassen. 

Indes weisen alle Hartmann-Biographien zahllose Widersprüche auf, und da nur selten exakte Daten angegeben sind, ist eine Nachprüfung außerordentlich schwierig. Eine offensichtlich unzensierte Biographie erschien im Januar 1895 in der esoterischen Zeitschrift Sphinx.  

Berichten zufolge soll Hartmann auch eine streng geheime Rosenkreuzer-Gesellschaft in der Schweiz und in Deutschland gegründet haben. Der eine Orden bildete sich im September 1889 in der Schweiz unter dem Namen Fraternitas, um jenes Kloster zu realisieren, das Hartmann in einem seiner Bücher als reine Fiktion beschrieben hatte. Zu den Gründern gehörten neben Hartmann auch Dr. R. Thurmann, Dr. A. Pioda und die Gräfin Wachtmeister aus Schweden (eine ehemalige Freundin von H. P. Blavatsky). 

Die andere Gründung, vermutlich zusammen mit Leopold Engel, war der sog. Esoterische Orden vom Rosenkreuz mit Sitz in Dresden und Kempten, den im Jahre 1905 Theodor Reuß übernahm. Später scheint genau dieser Orden der innere Kreis des O.T.O. geworden zu sein. In der Druckschrift Verfassungen und Gesetze des Ordens der Alten Angenommenen Schottischen Freimaurer (Lorch 1910) ist das Gründungspatent der Großloge Memphis-Misraim vom 24.9.1902 abgedruckt, das als Gründungsmitglieder neben Theodor Reuß und Henry Klein auch Dr. Franz Hartmann mit den Graden 33°, 90° und 95° aufweist. 

Die Zeitschrift Oriflamme brachte in ihrer historischen Sonderausgabe von 1904 einen Aufruf »An alle, welche die Wahrheit und wirklichen Tatsachen maurerischer Geschichtsforschung kennen lernen wollen«, der von Hartmann unmittelbar nach dem Namen des Großmeisters Theodor Reuß unterzeichnet ist, so dass angenommen werden kann, dass Hartmann das Amt des stellvertretenden Großmeisters innehatte.

Die erhabene Sendung Franz Hartmanns besteht darin, dem Abendlande, insbesondere dem deutschen Volke die theosophische Botschaft zu verkünden. Da er selbst aus der europäischen Wissenschaft seine Verstandesschulung erhalten hatte, kannte er selbst die bestehenden Theorien und Meinungen, was ihn vor einem unkritischen Über- und Unterschätzen derselben schützte. Durch seine umfassende europäische Bildung einerseits und durch die Kenntnis der Geheimlehre und der östlichen Religionsphilosophie andererseits war er im höchsten Grade befähigt, die Brücke der westlichen Mystik und östlichen Weisheit zu schlagen und ihre gemeinsame Grundlage wissenschaftlich und philosophisch darzutun.

So hat er sich durch seine Neuherausgabe der deutschen Mystiker ein ebenso großes Verdienst erworben, wie mit der Übersetzung und Erklärung der Bhagavad Gita, dem heiligsten Buch des Ostens. Neben den 21 Bänden seiner »Lotusblüten« hat er mehrere Sonderbände verfasst und viele Aufsätze für deutsche und englische Zeitschriften geschrieben, sowie viele öffentliche und private Vorträge gehalten.

Er war ein Meister der Sprache und Darstellungskunst und hat, wie es vor ihm kein Mystiker vermochte, die höchsten Probleme des Daseins in so klarer, einfacher und doch wissenschaftlicher Form dem Verstande wie auch dem Herzen nahegebracht.  

editiert von »Signum«


Quellen:

»Ein Abenteurer unter den Rosenkreuzern« (Leipzig 1899),

»Unter den Adepten« (Leipzig 1901),

»Dr. Franz Hartmann – sein Leben u. Wirken« (Leipzig 1912).

J. Hochdorf: »Die Erkenntnislehre der Bhagavad­Gita« (Leipzig o. J., Hochdorf 1946),

Calw: »Über den Verkehr mit der Geisterwelt« (1963),

»Among the Rosicrucians« (o. O.) (Boston 1983),

Wahrheit und Dichtung: »Die Theosophische Gesellschaft u. der Wunderschrank von Adyar« (o. O. u. J),

»Geheimschulen der Magie und Okkulte Übungen« (Leipzig o. J.).

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