John Dee

Dee, John (1527-1608)

Dr. John Dee, englischer Gelehrter, Philosoph, Mathematiker und Astrologe, der, in der hermetischen Tradition der Renaissance wurzelnd, Mathematik, Quabbalah und Alchimie miteinander zu verbinden suchte und der seine Laufbahn als Akademiker an der Cambridge-Universität begann und dann weite Teile Europas bereiste. Autor von etwa 50 wissenschaftlichen Werken, die zum Teil grosse Beachtung fanden und unter anderem auf Johann Valentin Andreae und die Rosenkreuzerbewegung starken Einfluss ausübten. Sein wichtigstes Werk ist wohl die 1564 erschienene, pythagoräisch-quabbalistische Schrift Monas Hieroglyphica, worin das Wesen der Schöpfung auf die Einheit von Kreis, Linie und Punkt reduziert wird. Diese Formel verbindet die Quabbalah, Alchemie und Mathematik miteinander. Von gleicher Bedeutsamkeit, besonders für die magischen Sekten am Ende des 19. Jahrhunderts ist sein spirituelles Tagebuch True und faithful relation of what passed for many years between Dr. John Dee and some spirits (1659). Dee beschreibt hierin seine spiritistische Sitzungen mit seinem Medium E. Kelley (Kristallsehen; henochische Sprache). Diese Aufzeichnungen wurden von Mitgliedern des Golden Dawn Ordens intensiv studiert und mit anderen Elementen der Magie, besonders der östlichen, zu einem umfangreichen System verbunden. (1659). Dee beschreibt hierin seine spiritistische Sitzungen mit seinem Medium E. Kelley (Kristallsehen; henochische Sprache). Diese Aufzeichnungen wurden von Mitgliedern des Golden Dawn Ordens intensiv studiert und mit anderen Elementen der Magie, besonders der östlichen, zu einem umfangreichen System verbunden.

 

1552, nach einer Begegnung mit Hieronymus Cardanus in England, fing er an, sich für die Beschwörung von Geistern zu interessieren. Als Elisabeth I. den englischen Thron bestieg, wurde Dee gebeten, den astrologisch günstigen Tag für ihre Krönung zu berechnen. Reisen auf dem Kontinent führten Dee unter anderem in das Prag Kaiser Rudolphs Il. Dabei scheint er auch eine religiöse Reformbewegung ins Leben gerufen zu haben, deren Ziel die Aufhebung der religiösen Zersplitterung in einer mystischen philosophischen Harmonie war. Vorbild dieser Ordnung waren ihm die hierarchisch gegliederten Reiche der Engel.

 

John Dee war kein engstirniger Spezialist, dessen Zweckmäßigkeitsdenken ihn unfähig für die Erfassung von Wahrheiten außerhalb seines Gesichtsfeldes gemacht hatte, sondern er war ein Visionär, dessen unersättliche Leidenschaft nach Erkenntnis und unermüdliche Wahrheitssuche vom göttlichen Funken schöpferischer Imagination erhellt und inspiriert wurde.

 

Dieser wirklich bemerkenswerte Gelehrte und Mystiker wurde im Juli 1527 in Mortlake, einer Londoner Vorstadt, geboren. Während seines langen Lebens leistete Dee mehr und reiste weiter als die meisten seiner Zeitgenossen. Er wurde eine hervorragende Autorität auf den Gebieten der Mathematik, Navigation, Astronomie und Optik.

 

Er besuchte nahezu alle damals namhaften Bildungszentren Europas und korrespondierte mit den achtbarsten Gelehrten Frankreichs, Deutschlands und Italiens. Von seinen Feinden hingegen wurde er stets aufs übelste verleumdet. Diese nannten ihn einen Scharlatan und Schwarzmagus.

 

Der Autor Deacon zeigt in seiner Biographie, dass Dee alles andere als ein Scharlatan und Blender war (was einem hingegen bei der Person Kelly oftmals schwer fällt, dies nicht anzunehmen; Anm. Agrippa.·.). Er praktizierte keine zweifelhaften Künste, sondern war ein eigenständiger, tiefgründiger Denker, dessen Ideen oft seiner Zeit weit voraus waren.

 

Er glaubte an die Möglichkeit der Konstruktion eines besonderen Spiegels, der magische Kräfte aus der Sonne ziehen könne, um damit Botschaften und Gegenstände zu den Sternen zu transportieren. (Im Jahre 1966 entwickelte ein amerikanischer Wissenschaftler die Theorie eines gigantischen Spiegels, der mittels reiner Sonnenkraft ein Raumschiff mit überhöhter Lichtgeschwindigkeit zu den Sternen senden könne.)

 

Dee war allerdings auch ein Magier im Sinne jenes Wortes, wie es seine Zeitgenossen verstanden. Im 16. Jahrhundert bedeutete Magie mehr – und vor allem etwas anderes – als zweifelhafte okkulte Praktiken. Der Begriff Magie umfasste die Kunst der Kontrolle der Naturkräfte und die Anwendung mathematischer Erkenntnisse auf die Konstruktion mechanischer Apparate.

 

Dazu gehörten wissenschaftliche Experimente, Entdeckungen und Erfindungen auf der einen -, vermeintliche Teufelspakte auf der anderen Seite. Doch bestand eine höhere Stufe der Magie, deren Ziel von Dee die »Vereinigung mit gutartigen Engeln mittels Reinigung der Seele« genannt wurde.

 

Dee glaubte fest an die Astrologie. Er war nicht nur von ihrer mathematischen Exaktheit überzeugt, sondern ihn erfüllte das Bewusstsein, dass durch korrekte Deutung der Symbole der Himmelskörper die Unterscheidung und Erkennung geistiger Wahrheiten und Tendenzen möglich sei. An universellem Wissen war Dee sehr interessiert, und zwar nicht nur als Gelehrter, sondern auch als politisch Tätiger.

 

Doch wusste Dee seine Qualitäten als Mann der Aktion und der Kontemplation so gut aufzuteilen und anzuwenden wie selten jemand. Besonders interessant für Spiritisten ist Dees Werk als Pionier der spiritualistischen Praktik. Sowohl das Kristallsehen als auch die Telepathie beherrschte der Gelehrte. Doch führte er auch »Unterhaltungen mit den Engeln«, wie man es damals nannte. Diese waren mit modernen spiritualistischen Seancen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit guten Medien vergleichbar.

 

Eine Wesenheit, die bei diesen Seancen erschien, wurde Madimi genannt, ein »Geisterkind, halb Engel, halb Elfe«. Eine andere Wesenheit nannte sich Galvah und sprach nur in Griechisch. Bei einer Gelegenheit erschienen nicht weniger als fünfzehn geistige Wesenheiten zugleich.

 

Mit einer Erforschung der Magie begann Dee ernstlich, nachdem er Edward Kelly kennen gelernt hatte, einen medial veranlagten Sensitiven, der sich der Kristallomantie widmete und in seinen Geistervisionen mit Engeln zu verkehren glaubte. Dee und Kelly verwendeten bei ihren Versuchen eine Kristallkugel und Wachstafeln, sogenannte Almadele, in die magische Symbole eingraviert waren. Die Tafel für eine bestimmte Anrufung wurde zwischen vier Kerzen gelegt; dann starrte Kelly in den Kristall und rief die Engel herbei. 1582 fing Kelly an, Botschaften in einer neuen Engelsprache zu empfangen, auf »Henochisch«. Dee erstaunten diese Ereignisse, und er schrieb in sein Tagebuch: »Jetzt schoss das Feuer wieder aus Edward Kelly, aus seinen Augen, in den Stein. Und fortan verstand er nichts mehr von alledem, vermochte auch nicht zu lesen noch sich zu erinnern, was er gesagt hatte …«. Bei anderen Gelegenheiten wieder schien es, als würden Geister von Kelly Besitz ergreifen, deren einige, so Dee, sich manifestierten und sichtbar in Erscheinung traten.

 

»… Ihm zur Seite erschienen drei oder vier Geistwesen, Arbeitern gleich, mit Spaten in den Händen und Haar, das ihnen lang um die Ohren hing …«.

Die Geister wollten wissen, warum sie gerufen worden seien, und Dee bat sie, sich wieder zu entfernen. Sie wichen zurück und zwickten Kelly in den Arm. Dee schreibt: »Sie gafften und feixten ihn weiterhin an. Ich fragte ihn, wo sie denn seien, und er wies auf die Stelle und befahl den kleinen Rackern im Namen Jesu, zu verschwinden, und schlug ein Kreuz über sie, und augenblicklich machten sie sich davon.«

 

Am 21.11.1582 will Dee am westlichen Fenster seines Studierzimmers von einem Engel (Uriel) einen Kristall erhalten haben, der ihm als visionäres Hilfsmittel diente (vgl. Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, 1927).

 

Dee glaubte an die Realität der Engel und an die Möglichkeit, sich ihrer Dienste durch quabbalistische – und später durch henochische – Magie versichern zu können.

 

Die Verbindung von Engelsvisionen und Mathematik, die durch die Veröffentlichung seines spirituellen Tagebuches (durch Casaubon 1659) offenbar wurde, diskreditierte den Menschen und Wissenschaftler Dee für Jahrhunderte.

 

Von Dee werden einige PK-Manifestationen – Raps im Labor – berichtet. Die Fälle sind aber von geringem Wert, da meist nur sein Assistent Edward Kelley, ein Advokat von durchaus zweifelhaftem Ruf, der Gewährsmann ist.

 

Die Kristallvisionen Dees scheinen echte paranormale Elemente enthalten zu haben, und Teile seiner Werke erfolgten wahrscheinlich sogar in sog. Automatischer Schrift.

 

1873 trat bei Moses eine Trancepersönlichkeit auf, die sich durch Automatische Schrift mitteilte und behauptete, Dee zu sein (es bestand keine Ähnlichkeit mit Dees Handschrift).

 

Die 18 »Henochischen Rufe« von Edward Kelly und John Dee benutzte später der moderne englische Okkultist Aleister Crowley mit dem Dichter Victor Neuburg zusammen auf einer Expedition in der algerischen Wüste als Beschwörungsformel. 1978 ist ein Wörterbuch der henochischen Sprache in London von Dr. Donald Laycock herausgegeben worden.

 

Dee starb im Dezember 1608 in Mortlake, wo er auch geboren wurde.


editiert von »Niahmas«


Quellen:

Donald Tyson: »Enochian Magic for Beginners: The original system of  Angel Magic«, 1997, 1. Aufl.

Hans Biedermann: »Lexikon der magischen Künste«, 1998, 3. Auflage

Geoffrey James: »Dr. John Dee: Language of the Angels – The most powerful system of Magick«, 1998

Gitta Peyn & Ralf Löffler: »Henochisch – Die Macht des John Dee«, 2001

Jörg M. Meier: »Das Büchlein der Venus«, 1990

Karl Kiesewetter: »John Dee und der Engel vom westlichen Fenster«, 1993

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