Tommaso Campanella


Campanella, Tommaso (geb. als Giovan Domenico Campanella) (1568-1639) 

Der geistreiche Dominikaner, Philosoph, Sozialutopist und Dichter wurde am 5.9.1568 in Stila (Kalabrien) geboren und starb am 21.5.1639 im Dominikanerkloster St. Honoré in Paris. Er war der Sohn des verarmten Geronimo Campanella.

Campanella wurde im Alter von 15 Jahren Dominikanermönch in Neapel und studierte Philosophie und Theologie an den Ordensschulen seiner Provinz San Giorgio, Cosenza und Altomonte. Er besuchte Rom, Florenz und Padua und kehrte über Neapel in seine Vaterstadt zurück. Schon in seiner Jugend entstanden Texte, in denen Campanella an die senualistische Erkenntnistheorie eines Telesio anknüpfte.

1599 wurde Campanella als Haupt einer angeblichen Verschwörung gegen die spanische Herrschaft verhaftet und siebenmal gefoltert. Den Ausschlag für seine Verurteilung zu lebenslänglicher Haft gab wohl die Anklage wegen seiner führenden Rolle bei der Verschwörung gegen die spanische Fremdherrschaft während des Kalabresischen Aufstandes 1598/1599. Zudem kamen seine für die damalige Zeit äußerst provokanten Schriften hinzu.

Im Prolog einer seiner Gedichte zum Beispiel heißt es:

»Von Intellekt und Weisheit geboren, ich,
der forschend Gutes, Wahres und Schönes liebt,
die sich bekämpft, die Irre ruf‘ ich,
rufe die Welt zu der Milch der Mutter«

Und der Prolog endet mit den Worten:
»Gehen Worten Dinge voran, zerschmelze
eure stolze, leidvolle Ignoranz
in dem Feuer, das ich entriss der Sonne.«

Die Worte gehen den Dingen voran: diese Ansicht allein schon machte Campanella der Ketzerei verdächtig. Denn damit bezog er sich auf eine Philosophie, die das weltliche Wissen von der philosophischen Theologie abtrennte und damit die Grundlagen für die moderne Naturwissenschaft legte. Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus lies Campanella über die metaphysischen Denker spotten, deren hochtrabende Spekulationen von einem einfachen Seemann widerlegt worden waren.

Im Jahre 1634 verschaffte Urban VIII. dem bereits 60-jährigen nach 27jähriger Gefangenschaft durch ein Scheininquisitionsverfahren die Freiheit. Den erneuten Nachstellungen der Spanier und den Gefahren der Inquisition aufgrund seines Eintretens für Galileo Galilei entging Campanella 1634 durch eine Flucht nach Frankreich, wo er die Gunst des Kardinals Richelieu gewann und mit den bedeutendsten Gelehrten verkehrte. Zudem wurde er  zum Gesprächspartner des Papstes, zum Berater Richelieus und zum Sterndeuter Ludwig IV.. Und nicht zu vergessen: zeitweilig war er zusammen mit Giordano Bruno inhaftiert und er disputierte mit Galilei.

 

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Campanella verfasste im Kerker seine wichtigsten philosophischen, natur- und staatswissenschaftlichen Werke. Das Bekannteste ist wohl »Città del Sole« (Der Sonnenstaat, eigentl. »Die Sonnenstadt«), die Utopie einer aristokratisch-kommunistischen Hierarchie, das Idealbild einer katholischen Universalmonarchie. Campanellas Sonnenstaat ist ein Gemeinwesen ohne Privateigentum. Es gilt die Arbeitspflicht für alle. Das Gemeinwesen soll der vollen Entfaltung menschlicher Fähigkeiten insbesondere zum Zwecke neuer Erfindungen und Anwendungen auf technischem Gebiet dienen. Er will mit der aus Platons Staat entlehnten »Weibergemeinschaft« ernst machen, die sich gegen die Besitzideologie richtet, Geschlechtsbeziehungen und den Zeitpunkt von Zeugung und Geburt nach astronomischen Berechnungen regelt.

Campanella verfasste insgesamt 82 Schriften, darunter auch über Astrologie, so etwa Tres magni influxus, Astrologicorum libri 6 (1626) und De sensu rerum et magia libri quatuor, pars mirabilis occultae philosophiae (Frankfurt 1620, Paris 1637). 

Campanella vertrat die Ansicht, dass Gott gewisse Züge des sich astral widerspiegelnden Fatums abändern könne, wenn sich der Mensch in innigem Gebet an ihn wende. Kiesewetter (1891-95/1977) setzt sich besonders mit Campanellas De sensu rerum et magia auseinander und fasst zusammen: »Alles besitzt Empfindung, denn was in den Wirkungen vorhanden ist, muss auch in den Ursachen enthalten sein, und deshalb empfinden die Elemente, ja das Weltall selbst. Kein Wesen kann nämlich einem anderen mitteilen, was es selbst nicht besitzt. Da die Tiere Empfindung besitzen, die Empfindung aber nicht aus dem Nichts entsteht, so müssen wir annehmen, dass die Elemente als Ursachen der Tiere ebenfalls empfinden, und zwar alle, weil das, was einem Element innewohnt, allen zukommt. Es empfinden also der Himmel, die Erde, und überhaupt die ganze Welt. Die Lebewesen auf der Erde verhalten sich zu ihr wie die im Inneren des Menschen lebenden Organismen zum Menschen selbst. Alle Dinge fliehen den leeren Raum und erfreuen sich an ihrer gegenseitigen Berührung, weshalb wir sagen müssen, dass die Welt ein empfindendes Lebewesen ist. Im Menschen ist offenbar die verkleinerte Welt (vgl. Macro- /Microkosmos).

Objektive Wissenschaft und subjektive Reflexion. Dies charakterisiert treffend Campanellas Sicht der Dinge, hat er doch alle Wesen gewissermaßen von innen betrachtet. Er unterstellte ihnen, seien sie Dinge, Pflanzen, Tiere oder Menschen, dass sie eine Lebensmacht, eine innere Durchsetzungskraft hätten. Denn in seinen Augen verfügte alles, was ist, über eine Wahrnehmung eigener Interessen, eigener Ziele und eine Aufmerksamkeit für das, was dazu passt. Jedes Lebewesen weiß nach Campanella also, was es braucht und was es abstoßen muss. Jedes Lebewesen will sich realisieren, es isst, es trinkt, es nimmt – allgemein gesprochen – Nährstoffe auf, und es will sich fortsetzen, sich also vermehren. Um sich zu erhalten, vermeidet es auch unnötige Gefahr. Es kommen also drei Elemente zusammen: Macht und Selbstbehauptung, Einsicht und Gefühl für das, was zu ihm passt und drittens eine Zielgerichtetheit auf das, was seine Fortsetzung ermöglicht. Es wäre interessant, diese Gesichtspunkte heute unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten zu diskutieren. Aber auch Campanellas als »poetischer Dialog« gefasste gesellschaftliche Utopie der Sonnenstadt, nicht des »Sonnenstaates«, wie immer wieder falsch gesagt wird, würde ein neues Lesen lohnen. Denn sie ist die direkte Fortsetzung seiner Lehre von den drei Wesenheiten, nach denen jeder Organismus seiner Lebensdynamik folgt.

»Es ist ein neues Modell des Zusammenlebens unter der Sonne der einen Vernunft, an der alle Menschen teilhaben – nicht nur die Christen -, insofern die Religionsunterschiede relativiert werden«, erklärt Kurt Flasch, der sich mit den Schriften Campanellas befasste. »Dieses Zusammenleben soll höchst rational sein, es soll also möglichst wenig dem Zufall überlassen werden. Er dachte sich an der Spitze des Staates einen Metaphysiker, übrigens keinen Theologen, also einen, der diese philosophische Sonne der Einheit Macht, Einsicht und Liebe vor seinem geistigen Auge hätte. Das Wort Utopie hat man eher so daran gehängt, weil man sehr stark die Nähe zu Thomas Morus und dessen Utopia hervorgehoben hat.«

Man könnte ja schon fast darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre: da wird ein Denker als Utopist abgetan, weil man sein poetisches Werk falsch einordnet. Und auf der anderen Seite wird er als bloßer Vorläufer Descartes angesehen, weil er über die Natur des menschlichen Denkens Rechenschaft abgelegt hat. Campanella ist weder das eine noch das andere. Dieser Einsicht gilt die ganze Leidenschaft Kurt Flaschs. Und bitterböse vermutet er in seinem breiten Kommentar, dass es die Schreiber der Philosophiegeschichte vorzögen, auf der Seite der Gewinner zu stehen und nicht auf der der Verlierer. Denn Campanella war ein Verlierer, weil es ihm nicht gelang, aus der Einsamkeit seines Kerkers heraus, zum Mainstream-Philosophen Europas zu werden. Die philosophischen Gedichte Campanellas aber galten gerade in Frankreich als Höhepunkt der damaligen italienischen Lyrik, und Herder pries im Jahre 1802 die intellektuelle Kraft dieser »erhabenen philosophischen Canzonen«.

Doch nur wenige andere Philosophen, so Kurt Flasch, erkannten den Rang des dichtenden Denkers: »Schopenhauer zum Beispiel entdeckte in dem, was Campanella als die Strebenskraft in allem nannte, die Vorentdeckung des Begriffs des Unbewussten, er hat hervorgehoben, dass Campanella die Tiere in einem wesentlich menschennäheren Licht bezeichnet als die gesamte europäische Tradition. Er war also an der Ähnlichkeit von Mensch und Tier bei gleichzeitiger wesentlicher Unterscheidung viel mehr interessiert als die früheren, die gesagt haben, die Tiere können nicht denken. Für Descartes sind die Tiere reine Maschinen. Campanella aber hat die Tiere als denkende und fühlende Wesen beschrieben, er hat sogar den Pflanzen eine Seele zuerkannt. Dies leuchtete einem Schopenhauer wie auch einem Leibniz sehr wohl ein. Das heißt also, unsere auf die geschichtliche Stellung des Descartes zielende Konstruktion der älteren Denkentwicklung wurde von Leibniz anders gesehen: Campanella – philosophisch bedeutender als Descartes.«

Campanella unterscheidet drei Wesenskräfte (Primalitäten) bzw. Verhaltensstrukturen: Können, Wissen und Wollen. Diesen entsprechen Macht, Weisheit und Liebe. Solange die Primalitäten im Endlichen befangen sind, wird ihr jeweiliges Gegenteil (Ohnmacht, Torheit, Hass) ebenfalls wirksam.

Auf höherer Bestimmungsebene entsprechen den drei Primalitäten die drei Kategorien Kausalität (necessitas), die den Vorgängen in der Welt notwendig zugrunde liegt, das gute Geschick (fatum), das zur Liebe führt, und die gefügte Ordnung (harmonia), die aus der Liebe entsteht. Den Kausalitäten wird der Zufall (contingentia) gegenübergestellt, dem Geschick der Einzelfall (casus) und der Ordnung der (unverdiente) Glücksfall (fortuna). All dies sind Einwirkungen des Nichts.

Die unbedingt auf Empfindung gründende Erkenntnis steigt in fünf Stufen auf. Zuerst erfährt der Mensch den mundus situalis, d. h. die Welt in ihren unmittelbaren Situationsbedingungen. Dann erfährt er den mundus temporalis et corporalis, d. h. die Welt in den Koordinaten von Raum und Zeit. Es folgt der mundus sempiternus, die ewiggütige Welt der Mathematik und Geometrie. Dann folgt der mundus mentalis, die Welt der Kategorien. Und schließlich folgt der mundus archetypus, die Welt der Urbilder, die zugleich die Sphäre der unendlichen Vielfalt möglicher Welten und der Ursprung der Offenbarung darstellen.

Das Prinzip für alle Vorgänge ist die Ordnung (harmonia). Das Leben wird nach Maßgabe der drei Primalitäten geregelt. Es existieren zahlreiche Einrichtungen zur Vermeidung von Zufall, Ausnahmefall und Glücksfall, um die Anmaßung und die Privilegien abzuwehren.

Überdies hält Campanella das Vermögen der Seele, aus dem Körper auszutreten (Astral?) und die Möglichkeit des Verkehrs mit Engeln und Dämonen für Beweise der Unsterblichkeit.

Eine Gesamtausgabe der Werke Campanellas (L. Firpo) erschien ab 1954 in Milano.

editiert von »Signum«


Quellen:

Thomas Flasch: »Tommaso Campanella, Philosophische Gedichte; ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Th. Flasch, mit einem einleitenden Essay und Kommentar von Kurt Flasch« (Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1996),

F. Hiebel: »Campanella, der Sucher des Sonnenstaates« (Stuttgart 1972),

»Der Sonnenstaat. Idee eines philosophischen Gemeinwesens«. Ins Deutsche übertragen unter Mitarbeit von Gerhard Braune u. a. (1955),

Biographie Campanellas in Ersch-Grubers »Enzyklopädie Bd. 15« (1826),

Giovanni Sante Felici: »Die religions-philosophischen Grundanschauungen Campanellas« (Halle 1887),

rororo-Klassiker: »Der utopische Staat« (Reinbek 1960).

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