Die Kabbala

Lehrbrief-Exzerpt

1. Die magische Sicht

1.1 Der Baum des Lebens
1.2 Der Schleier von Paroketh
1.2.1 Die Verortung im Baum des Lebens
1.2.2 Die Illusion des Egos
1.2.3 Der Weg nach Tiphareth
1.3 Der Hüter der Schwelle

2. Die psychologische Sicht
2.1 Die Konzepte von Persona und Schatten
2.1.1 Persona
2.1.2 Schatten
2.2 Der Doppelgänger



1. Die magische Sicht

1.1 Der Baum des Lebens

Der Etz Chiim (hebr. = Lebensbaum) ist eine Darstellung des Universums in Diagramform1). Diese Form entspricht der schematischen Darstellung eines Baumes, der von den Kabbalisten Lebensbaum genannt wird. Schon das Buch Bahir erwähnt diese Weise der Organisation des Universums: »Alle göttlichen Kräfte sind übereinander gelagert und sind wie ein Baum […].«2)

Die klassische zweidimensionale Weise der Lebensbaum-Darstellung umfasst 10 Punkte oder Kreise und 22 Verbindungslinien:

01

Da man nicht über den Lebensbaum sprechen kann, ohne seine konstituierenden Bestandteile zu erwähnen, seien hier die Namen und Übersetzungen der 10 Sephiroth angeführt, deren Beschreibung sich der eigenständige Vortrag »Einführung in die Quabbalah« widmet.

Zahl Name (hebr.) Name (dt.) Übersetzung
1

rtk

Kether Krone
2

hmkx

Chokmah Weisheit
3

hnyb

Binah Verstand
4

dcx

Chesed Gnade
5

hrvbg

Geburah Strenge
6

trapt

Tiphareth Schönheit
7

Xjn

Netzach Sieg
8

dvh

Hod Glanz
9

dvcy

Jesod Fundament
10

tvklm

Malkuth Reich


Tab. 1


Die Wurzel des Lebensbaumes bildet das Ain Soph – unbekannt und unerkennbar.
3) Ain Soph ist jedoch nicht nur Wurzel, sondern auch Saft des Baumes, der in allen Ästen (Sephiroth) treibt und diese belebt. Das Verhältnis zwischen Sephiroth als Manifestationen des geoffenbarten Gottes und Ain Soph als Urgestalt des verborgenen Gottes beschreibt der Sohar am Beispiel der Namen Gottes.

So ist der Name Gottes in der Endlosigkeit Kethers »Endloser«. Im Quell der Weisheit, in Chokmah nennt Er sich »Weiser«. In der Sephira der Einsicht (Binah) ist sein Name »Einsichtiger«. Denn, so erläutert der Sohar, »die Weisheit wird nicht nach sich selbst Weisheit genannt, sondern nach dem Weisen, der sie füllt, und die Einsicht wird nicht nach sich selbst Einsicht genannt, sondern nach dem Einsichtigen, der sie füllt. Denn wenn Er sich entzöge, bliebe es Dürre.«4) So verhält es sich auch mit allen anderen Sephiroth – und, da diese die Grundkräfte alles Geschaffenen sind, auch mit allem Erschaffenen selbst.

02

Abb. 1


So wie der Etz Chiim nicht aus sich selbst, sondern durch die Kraft des verborgenen Gottes besteht, so existiert die Schöpfung durch die Kraft des Lebensbaumes. Der Etz Chiim bildet die zentrale Struktur aller Welten und Wesen: Seine Äste breiten sich überall hin aus und alles, das existiert – ganz gleich ob in der physischen, der mentalen oder der geistigen Welt – kann dies nur, weil etwas von der Kraft der Sephiroth in ihm lebt und treibt.


1.2 Der Schleier von Paroketh
1.2.1 Seine Verortung im Baum des Lebens

Das Wort Paroketh (hebr.: PRKTh, tkrp, Schleier) wurde benutzt, um den Schleier vor dem Heiligtum im Tempel zu bezeichnen, dessen ursprünglicher Name jedoch Vilon, sowie dessen griechische Entsprechung im Neuen Testament Katapetasma war. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass der Begriff Paroketh in späterer Zeit aufgrund seiner mystischen gematrischen Bedeutung gewählt wurde: Die vier hebräischen Buchstaben des Wortes symbolisieren die vier klassischen Elemente:

Peh p Wasser N
Resch r Luft M
Kaph k Feuer O
Tau t Erde L


Tab. 2


Paroketh versinnbildlicht daher den Schleier der vier Elemente, der die höheren Ebenen (astral und mental) von der körperlichen Erfahrungswelt der unteren Triade (Netzach, Hod und Jesod in Malkuth) trennt.

Der Schleier von Paroketh ist kein integraler Bestandteil des Baums des Lebens, sondern eine Erfahrung, bzw. eine Wesenheit, der jeder auf seinem Aufstieg über die 22 Pfade begegnet. Die Verortung des Schleiers von Paroketh auf dem Etz Chiim dient daher dazu, den Zeitpunkt und das Wesen dieser Begegnung anzudeuten.

Der Schleier von Paroketh durchschneidet den Etz Chiim auf dem 24, 25 und 26 Pfad5).

Von welcher Art ist aber nun die Erfahrung, die Paroketh versinnbildlicht?


1.2.2 Die Illusion des Egos

Ein Blick auf Abbildung 2 soll der Annäherung dienen: Die unteren vier Sephiroth sind jedem gesunden Menschen auch ohne Sublimierung seines Charakters oder magischer Techniken grundsätzlich zugänglich. Aus ihnen konstituiert sich das, was er für sein »Ich« (lat. Ego) hält.

Von oben betrachtet ist es dieser Teil, unterhalb des Schleiers von Paroketh, in dem der Mensch seine alltäglichen inneren und äußeren Erfahrungen macht: Es ist sein physischer Körper, der durch Malkuth wandelt, in den er geboren wird, wächst, reift, altert und stirbt. Während dieser Lebzeit dient ihm sein Unbewusstes als Speicher sämtlicher Wahrnehmung, Erfahrungen und Erinnerungen. Dieser Speicher ist jedoch keineswegs passiver Natur. Wie die Position des Unbewusstem (Jesods) im Etz Chiim verdeutlicht, steht diese Sephira im Zentrum des menschlichen Egos und in direkter Verbindung mit Tiphareth. Das Unbewusste ist daher die eigentliche Steuerzentrale des menschlichen Egos.6)

Die oberflächlich mechanisch anmutende Funktionsweise des menschlichen Schicksals ist in den vier unteren Sephiroth fundiert: Nach dem Prinzip von Brennlinsen oder Filtern nehmen die Instinkte (Netzach) und Überlegungen (Hod) des Individuums die Eindrücke der Außenwelt auf und überspielen diese subjektiviert in das Unbewusste. Die dort entstehenden Energien sammeln sich nach ihrer Art bis sie ein ausreichendes Spannungsniveau erreicht haben. Dann werden sie je nach ihrer Natur und der Struktur des Unbewussten von diesem in eine oder mehrere der drei Schnittstellen zum Außenbereich zurückgespielt (Instinkte, Überlegungen, Körper). So erhalten diese wiederum ihre spezifische Formung und Ausgestaltung – die Natur der Filter beginnt sich auszuhärten.

03

Abb. 2

Haben die Filter eine gewisse Stabilität erreicht, d.h. hat der Prozess der Reizaufnahme, unbewusster Verarbeitung und Reaktion ein gewisses Maß an Gleichförmigkeit erreicht, so beginnt sich ein spezifischer Charakter nach Vorlage der Filterqualitäten auszuprägen. Das Individuum beginnt sich selbst innerhalb dieses Charakters als »typisch« zu erleben und beginnt sich als eigenständiges Ego wahrzunehmen.

Hierzu Will Parfitt in seinem Buch »Die persönliche Kabbalah«:
»Wenn Sie „in ihrer Persönlichkeit leben“ […], dann betrachten Sie die Inhalte Ihres Bewusstseins als einen integralen Teil Ihrer Persönlichkeit; Sie identifizieren sich mit ihnen – Sie sind Empfinden, Fühlen, Denken oder eine Kombination daraus. Manche Menschen neigen dazu, sich eher mit ihren Gedanken zu identifizieren, und betrachten ihren Verstand dementsprechend als Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz. Andere wiederum identifizieren sich mit ihren Gefühlen und halten sie für eine Erfahrung von wesentlicher Bedeutung. Wieder andere identifizieren sich hauptsächlich mit ihrem Körper.«7)

Dieser Prozess, d.h. im wesentlichen die Aushärtung der Filter (Netzach, Hod) und des körperlichen Bewusstseins (Malkuth) ist bei dem meisten Menschen mit dem Ende der Pubertät weitgehend abgeschlossen. Es bedarf von da an intensiver Krisenerlebnisse, um dieses Gleichgewicht erneut zu erschüttern und einen neuen Anpassungsprozess anzustoßen. Die größte und bedeutendste8) Anstrengung der meisten Individuen zeit ihres Lebens besteht darin, dies zu verhindern.

Der magische Weg auf dem Etz Chiim besteht nun darin, über die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Filtern, Unbewusstem und äußerem Erleben, die Struktur der Filter nach eigenen Vorstellungen beständig neu auszurichten. Der Magier der Elementargrade opfert auf diese Weise das subjektive Gefühl der Stabilität und des Gleichgewichts dem fortschreitenden inneren Wachstum.

Dieser Neuausrichtung dienen die meisten magischen Rituale der Elementargrade (Malkuth bis Netzach). Ihr Zweck ist zumeist der, die Filter in Kontakt mit spezifischen, natürlichen, d.h. nicht individuellen Energien zu bringen. Dies ist für die meisten Individuen eine völlig neuartige Erfahrung, da sie ihre Filter zum ersten Mal für Energien durchlässig fühlen, die sie nicht zu ihrem »Charakter« zugehörig erkennen. Die Erfahrung der Energie von »Feuer von Erde« (so in der Elementemagie) oder »des Mondes« verhilft dem Magier zu einer neuartigen Kontaktaufnahme mit seiner Um- und Innenwelt. Indem das magische Ritual einen direkten Erfahrungskanal der höheren Wirklichkeit schafft – denn nichts anderes sind diese ungefilterten Kräfte – können auf der physischen Ebene gemachte Erfahrungen neu bewertet und verarbeitet werden.

Es wird aus dem Gesagten deutlich, warum die meisten Menschen dem magischen Weg so feindlich gesinnt gegenüberstehen. Verlangt er vom Magier doch freiwillig jenes, wovor sich die meisten ein Leben lang verschließen: die Aufgabe der Illusion des Egos. Damit wirft der Magier das wertvollste über Bord, was dem nicht-magischen Menschen zur Verfügung steht: In seinem Hineingeworfen-Sein in das chaotische Meer der physischen Realität (Malkuth) erscheint ihm sein Ego als einziger fester Punkt, als im Boden verankerte Boje. Auf diese Weise hält er die ausgehärtete Struktur der Filter für den Kern seines Wesens und erkennt nicht, dass er das Gebäude seines Lebens auf einer Illusion errichtet. Denn die kabbalistische Realität ist, dass auf der Ebene des Egos, d.h. der unteren vier Sephiroth kein Zentrum, keine Boje, kein fester Punkt zu finden ist, der aus sich selbst heraus eine wie auch immer individuell geformte Energie hervorbringt und erhält.


1.2.3 Der Weg nach Tiphareth

Auf der Suche nach dem festen Punkt bewegt sich der Magier auf den Pfaden des Lebensbaumes in Richtung Tiphareth. Tiphareth ist das geometrische Zentrum des okkulten Diagramms und symbolisiert im Kontext des Menschen das Höhere Selbst. Sie ist – von unten betrachtet – die erste Sephirah, die jenseits des Schleiers von Paroketh liegt, und stellt in der Tat das Zentrum des geistigen Menschen dar.9)

Die Wandlung vom körperlichen zum geistigen Menschen stellt nun auch für den Magier das vorläufige Ende des Reigens in Malkuth dar, des beständigen Wandels unter dem Einfluss der sublunaren Kräfte.10) In Tiphareth erwartet ihn das Zentrum seines Höheren Willens, jener strahlende, verborgene Punkt, der die Reaktionen des Unbewussten (Jesod) auf die einströmenden, subjektivierten Energien hinter dem Schleier von Paroketh vorstrukturiert und mitgesteuert hat.

Um nach Tiphareth zu gelangen muss der Schleier, der dieses Heiligtum vor den niederen Ebenen verbirgt, gelüftet, bzw. überquert werden. Die Schwierigkeiten oder Gefahren, denen der Magier auf dieser Schwelle des Pfades begegnet, sollen der eigentliche Schwerpunkt dieses Vortrags sein. In der kabbalistischen Literatur werden sie ausführlich beschrieben:

»Je weiter der Schauende vordringt, desto größer werden die Gefahren. Die Engel und Archonten stürmen gegen ihn an, um ihn hinaus zu stoßen. Ein Feuer, das von ihm selber ausgeht, droht ihn zu verbrennen.«11)

Und vom 25. Pfad heißt es explizit im Sepher Jezirah, dem kabbalistischen Buch der Schöpfung:

»Der 25. Weg heißt der Versuchungsverstand, und heißt also weil er die ursprüngliche Versuchung ist, womit der Schöpfer alle Frommen versucht.«12)

Es scheint also so zu sein, dass die Aufgabe der Illusion des Egos und die Annäherung an das eigentliche Zentrum des geistigen Menschen nicht ohne Risiken und Widerstand zu bestehen ist. Warum aber ist dies so? Aus dem kabbalistischen Paradigma wird deutlich, dass die Ursachen hierfür in der Konstitution der äußeren Wirklichkeit13) wie auch der des körperlichen Menschen selbst zu finden sind. Aus dem Vorangegangenen wurde bereits deutlich, dass das scheinbar mechanische Wirken der unteren vier Sephiroth, wie oben beschrieben, keineswegs ein blindes oder zufälliges ist. Vielmehr ist nur das Bewusstsein des körperlichen Menschen dem eigentlichen Prozess gegenüber blind, der seine inneren und äußeren Erfahrungen steuert: Das Bewusstsein ist nicht willentlich am Prozess der Filteraushärtung, der Energiestrukturierung und dem Spannungsaufbau im Unbewussten beteiligt. Ebenso wenig ist es an der Übertragung der aufgebauten unbewussten Spannungen auf eine oder mehrere passende Schnittstellen zur äußeren Wirklichkeit (Emotionen-Netzach, Gedanken-Hod oder Körper-Malkuth) beteiligt.

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Tatsache, warum das Überschreiten des Schleiers von Paroketh sinnvollerweise von Gefahren gesäumt ist: Die Schöpfung hat einen weitgehend automatisierten Prozess geschaffen, der durch das Wechselspiel der inneren und äußeren Kräfte einen beständigen Wandlungsprozess im körperlichen Menschen sicherstellt. Dieser Wandlungsprozess kann vom menschlichen Bewusstsein als schmerzhaft, als unnötig, als erkenntnisreich oder als Weg der innere Reifung wahrgenommen werden; er kann jedoch nicht vom menschlichen Bewusstsein unterbrochen oder aufgehalten werden. Gleichgültig was der körperliche Mensch von den Dingen hält, die ihm täglich widerfahren, von seinem Schicksal, seinen Freuden und Enttäuschungen, er bleibt stets Aufnehmender, Erfahrender und Verarbeitender. Die eigentliche Entscheidung für oder wider die aufzunehmenden, zu verarbeitenden Erfahrungen obliegt ihm nicht. Der Mensch kann sein Schicksal nicht ablehnen.

Diese Reaktivität des menschlichen Bewusstseins, dieses den schicksalhaften Impulsen ausgeliefert sein, ist nach kabbalistischer Weltsicht die Bedingung dafür, dass das Höhere Selbst über die Strukturen des Unbewussten, den eigentlichen Lern- und Erfahrungsprozess des körperlichen Menschen anleiten kann.

Den Schleier von Paroketh zu überschreiten bedeutet, die bewusstseinsunabhängige Steuerung des oben beschriebenen Erfahrungsprozesses außer Kraft zu setzen: Das menschliche Bewusstsein erhält mit dem Überschreiten von Paroketh wieder Anschluss an sein Höheres Selbst. Die Kommunikation zwischen Bewusstsein und Höherem Selbst erfolgt von da an nicht mehr über den Umweg der unbewussten Energiestrukturen und Spannungen, die reale Erfahrungserlebnisse auslösen, sondern sie kann direkt in dialoghafter Weise vollzogen werden. Im gleichen Maße wie die Impulse des Höheren Selbst dem Bewusstsein direkt zugänglich werden, erhält jenes die Möglichkeit, diese zu variieren, anzupassen und zu verändern.14)

Die erhöhten Anforderungen, die sich mit dem Überschreiten dieser Schwelle, an das Bewusstsein richten, sind enorm und in keiner Weise vergleichbar mit seiner vorherigen Aufgabe: Aus einem passiven Instrument der Reflektion und Verarbeitung muss ein aktives, selbst gesteuertes Zentrum werden, das die Einflüsse der höheren Ebenen erkennt und in passendem Maße auf die niederen Ebenen unterhalb des Schleiers ausstrahlt. Der Spiegel des Vergangenen und Gegenwärtigen (Mond, Jesod) muss sich in einen glühenden Schmelzofen der Energien verwandeln (Sonne, Tiphareth), der das Zukünftige im Blick hat und das Gold aus den Tiefen Malkuths zum Vorschein bringt.


1.3 Der Hüter der Schwelle

Diesen alchemistischen Prozess der Bewusstseinswandlung deutet der 25.Pfad des Lebensbaumes an. Wie erwähnt, stellt er das Thema der Versuchung in den Vordergrund. Es scheint die Versuchung jene Glut zu sein, in der sich die Umschmelzung von Silber in Gold vollzieht.

Das Wort »Versuchung« kann als Synonym für »Verlockung« oder »Verführung« gelesen werden. Gemeint ist also ein Abweichen vom durch den Willen gesetzten Ziel. Dieses Abweichen kann vielerlei Ursachen haben, die jedoch alle mit dem Begriff der Schwäche zusammenhängen: Man kann einer Versuchung aufgrund mangelnder Hoffnung, mangelnder Tugend, mangelnden Willens oder mangelnder Kraft erliegen – weitere Ursachen sind denkbar. In jedem Fall liegt die Ursache jedoch im Versiegen der inneren Stärke. Darauf deutet auch der Ursprung des Wortes hin, das Verb »zu versuchen«. Das Deutsche Wörterbuch nach Jacob und Wilhelm Grimm führt als Erläuterung des Verbs die Schlagworte »Unternehmen«, »Wagnis« oder »Probe« auf.

Das Beschreiten des 25.Pfades steht also im Zusammenhang mit einem Wagnis, einer Probe. Dieser wurde in der westlichen Magie der Name »Der Hüter der Schwelle« (lat. dominus liminis) gegeben.

Maria Szepes hat in ihrem Werk »Accademia occulta« diesen komplexen Begriff umfassend definiert, der unzählige magische und mythologische Variationen kennt, die hier nicht im Vordergrund stehen sollen.15) Maria Szepes‘ Definition sei hier als längeres Zitat eingefügt:

»Alle Probleme materieller, emotionaler und intellektueller Art, die die Seele auf der materiellen Ebene nicht lösen konnte, vor denen sie zurückschreckte oder denen sie zum Opfer fiel, konzentrieren sich zum Hüter der Schwelle – das heißt sie werden auf der Astralebene zu einem Zerberus, zu einem Höllenhund, der den zur höheren Ebene führenden Weg der Entwicklung und Entfaltung bewacht. […] Demnach ist der Hüter der Schwelle stets ein subjektiv geladenes Phantom, in Wesen und Erscheinung abhängig davon, durch welche lang andauernde Imagination, durch welche Art von Schwäche, Emotion oder Leidenschaft es hervorgebracht wurde. Seine Materie ist die Gedankenkraft – und derjenige, dem der Hüter im Nacken sitzt, dem er wie ein Parasit anhaftet, wird vampirisiert. Das Geheimnis seiner Waffen und seiner Herrschaft ist die Angst.«16)

Es ist die Natur der evokativen Magie, dem Magier Erfahrungen in Form des Dialoges zu ermöglichen. Wo immer ein Dialog stattfinden soll, ist ein Gegenüber von Nöten. Der Hüter der Schwelle ist die Personifikation der subjektiven, persönlichen Ängste eines Menschen. Er stellt somit jenes Gegenüber dar, das es dem Magier erlaubt, in direkten Kontakt und Dialog mit seinen Schwächen und Ängsten zu gehen. Dass dies nicht gefahrlos zu bestehen ist, liegt in der Natur des Dialogs, der Auseinandersetzung.

Wenn beim Beschreiten des 25.Pfades, bzw. im magischen Ritual der direkte Kontakt zwischen dem Hüter der Schwelle und dem Bewusstsein des Magiers hergestellt wird, so ist dies keineswegs das erste Mal, dass das Wesen und die Kraft des Hüters der Schwelle erfährt. Der Natur der unteren vier Sephiroth entsprechend sind diesem kulminierenden Dialog viele unbemerkte Einflussnahmen von Seiten des Hüters der Schwelle vorausgegangen. Nur fanden diese stets nach den Regeln des körperlichen Menschen statt, der neben den äußeren auch sämtliche inneren Eindrücke, die ihn durch seine ausgehärteten Filter erreichen, stets für seine eigenen hält.

Tatsächlich erfährt der körperliche Mensch in den meisten Fällen tagtäglich die Wirkung des Hüters der Schwelle. Und zwar stets dann, wenn er sich bewusst oder Mangels der geeigneten Gegenmittel einem schwächenden Einfluss hingibt.17) Im Alltag wird dies meist in Form einer der folgenden Erfahrungen spürbar:

Alltägliche Erfahrung Extreme Ausprägung
  • Ängste
  • Panik
  • Negative, beklemmende Stimmungen
  • Depressionen
  • Schädliche/ krankhafte Neigungen
  • Zwangsverhalten/ Zwangsgedanken/ Schizophrenie


Der Unterschied zwischen diesen alltäglichen Erfahrungen des Hüters der Schwelle und der Begegnung auf dem 25. Pfad ist allein eine Frage der Intensität – zum einen in Bezug auf die zu erfahrende Qualität, zum anderen in Bezug auf die dabei beanspruchten Filter des Magiers.

Hierzu noch einmal die ungarische Adeptin, Maria Szepes:

»Der astrale Feuervorhang des Monsters ist vor den Pforten des Todes und der okkulten Wahrheiten besonders dicht gewoben, und das ist die Stelle, wo das Phantom besonders gefährlich wird – weil sich nämlich hinter diesen Türen jene Formeln verbergen, die den Kylkhor vernichten können.«18)

Wie also kann sich der Magier auf die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle vorbereiten? Einen konkreten Rat hält der englische Okkultist C.G. Harrison bereit:

»Wer vorher gewarnt, ist im Voraus gewappnet, und dem Hüter der Schwelle kann derjenige kühn Trotz bieten, der sich stählt, körperliche Gefahren, die er zum ersten Mal wahrnimmt, gering zu achten und den die ruhige Überlegung eines Augenblicks zur Einsicht bringt, dass er denselben stets ausgesetzt war, ohne es zu wissen, und dass das Erkennen derselben an sich keine Gefahr ist, wenn er nur kaltblütig bleibt.«19)

Wem dies nicht genügt, dem sollen im zweiten Teil ausführlichere Anregungen gegeben werden. Denn ohne es zu wissen oder zu beabsichtigen, hat sich in den vergangene Jahrzehnten ein ganzer Wissenschaftszweig entwickelt, der aus magischer Sicht im wesentlichen der Vorbereitung einer Begegnung dient: die moderne Psychotherapie.


2. Die psychologische Sicht
2.1 Die Konzepte von Persona und Schatten

»Wo Licht hinfällt, da entsteht auch Schatten, sieht man Schatten, ist auch eine Lichtquelle auszumachen: Hell und Dunkel bedingen einander, gehören zusammen. Was in der Natur gilt, gilt auch für die Persönlichkeit: Wir stellen gewisse Aspekte von uns ins Licht, diese sollen gesehen werden, und dadurch geraten andere Aspekte von uns in den Schatten.«20)

Diese einfache Analogie zwischen Natur und Persönlichkeit21) stellt die Basis des Konzepts von Persona und Schatten dar, das in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts von C.G. Jung erarbeitet wurde. Gemeinsam sind Persona und Schatten für einen Großteil der intrapsychischen Spannung verantwortlich, die die Dynamik der Individuation entstehen lässt.


2.1.1 Persona

Unter Persona versteht man in der analytischen Psychologie alle intrapsychisch positiv konnotierten Persönlichkeitseigenschaften, die ein Individuum mit dem vorwiegenden Ziel entwickelt oder betont, um ein bestimmtes Bild nach außen zu verkörpern. Mit anderen Worten: die Persona ist das persönliche Ich-Ideal eines Individuums, im Sinne eines scheinbar erstrebenswerten Selbstbildes, das ihm ein spezifisches, wünschenswertes Fremdbild seiner Umwelt sicherstellen soll.

Die Bedeutung des Begriffs Persona (griechisch, Maske) war Hauptursache für eine lang anhaltende negative, da entwicklungshemmende Assoziation dieser psychischen Funktion.22) Heute hat sich das Bild der Persona in der analytischen Psychologie gewandelt und wir positiver beurteilt: die Persona wird als ein organisch gewachsener Teil der Persönlichkeit verstanden, die den Kontakt zur Außenwelt schützt, stabilisiert und reguliert. Insofern ist die Persona vergleichbar mit dem Organ der Haut, die den Körper erst robust genug für den direkten Kontakt mit seiner Umwelt macht.23)

Jedoch besteht die Gefahr, dass das Individuum seine Persona mit seinem Ich, d.h. seine Haut mit seinem eigentlichen, dahinter liegenden Wesen verwechselt.24) Diese Gefahr ist vor allem dann gegeben, wenn das Individuum hauptsächlich nach introjizierten oder identifizierten Normen lebt. Man kann in diesem Fall von einer erstarrten Persona sprechen.25)

Nehmen wir Bezug auf den ersten Teil dieses Vortrags so steht die Persona in besonderer Beziehung zu den ausgehärteten Filtern einer Persönlichkeit (Netzach und Hod): So wie diese den Dialog zwischen Unbewusstem (Jesod), Körper (Malkuth) und Außenwelt regulieren, so entspricht die Persona einer »psychische[n], physische[n] und soziale[n] Haltung, die zwischen der inneren und der äußeren Welt vermittelt […].«26)

Im Äußeren eines Menschen gibt es eine Fülle von Merkmalen, an der die jeweilige, gelebte Persona sichtbar wird:

»Kleider, die Frisur, das Make-Up, Hüllen, Fassaden, Masken, aber auch Autos usw. sind symbolische Darstellungen der Persona. Wie wir uns verhüllen, enthüllt auch etwas von uns, zeigt etwas von uns. Und sehr oft zeigen wir nicht nur das, was wir zu zeigen beabsichtigen, sondern durchaus auch das, was wir eigentlich verhüllen wollen, nämlich den Schatten.«27)

Anzumerken bleibt, dass das Kollektiv ebenso wie das Individuum einem beständigen Wandel aufgrund innerer Dynamik unterliegt. Gesellschaftliche Regeln, Konventionen und Normen müssen daher als Anteile einer kollektiven Persona verstanden werden. Die Bestandteile einer solchen kollektiven Persona finden sich wiederum in besonders klarer Weise in den gesellschaftlichen Rollen repräsentiert, wie z.B. dem Beamten, dem Lehrer, dem Politiker, dem Polizisten, etc.. Auch sie wurden mit einer bestimmten Intention erschaffen, bzw. werden zu einem bestimmten Zweck erhalten und sollen das Wir-Ideal einer Gesellschaft abbilden.


2.1.2 Schatten

Der Schatten ist das funktionale Gegenstück der Persona eines Individuums. Man bezeichnet damit im allgemeinen all jene nicht gelebten, mit Angst, Schuld oder Scham besetzten Persönlichkeitsaspekte, die das Individuum an sich noch nicht akzeptieren kann:28)

»In der ersten Lebenshälfte entsteht als Folge der durch die Umwelt gebotenen einseitigen Entwicklung des Bewusstseins auch der Schatten als die im Ich-Aufbau vernachlässigte, abgelehnte Summe gleichgeschlechtlicher Eigenschaften. Der Schatten wächst parallel mit dem Ich, gleichsam als dessen ,Spiegelbild‘, und setzt sich zusammen aus den teils verdrängten, teils wenig oder gar nicht gelebten psychischen Zügen des Menschen, die von Anfang an aus moralischen, sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen weitgehend vom Mitleben ausgeschlossen wurden und darum der Verdrängung bzw. Abspaltung anheim fielen. Dementsprechend kann der Schatten durch positive oder negative Qualitäten charakterisiert sein.«

Obgleich der Begriff des Schattens inhaltlich nicht definiert ist, kann man sich doch dem Bereich annähern, dem seine Inhalte grundsätzlich entspringen: Es ist jenes vor dem Bewusstsein abgeschirmte Areal des Unbewussten, das »verloren gegangene Erinnerungen, verdrängte (absichtlich vergessene) peinliche Vorstellungen […] und schließlich Inhalte, die noch nicht bewusstseinsreif sind«29) enthält.

Eine grundlegende Tendenz des Schatten ist es, den Menschen durch psychische, physische oder materielle Kosten in das Leben zu verstricken. Dieser involutionäre Aspekt ist dafür verantwortlich, dass die Konfrontation mit dem individuellen Schatten einerseits von Gefühlen wie Angst, Scham, Schuld oder Peinlichkeit begleitet wird; dass aus der Integration des Schattens andererseits jedoch eine Quelle intensiver Lebensnähe und Lebenskraft entstehen kann.30)

Im Alltag besitzt der Schatten eine Vielzahl von psychischen und sozialen Funktionen. Eine knappe Auswahl sei hier angeführt:


Wie aber kommt es dazu, dass Menschen ein so deutliches Abwehrverhalten gegenüber persönlichen Schattenaspekten ausprägen? Wie oben erwähnt, ist die Konfrontation mit dem Schatten ihrer Natur nach bedrohlich. Bedrohlich deshalb, da sie das bestehende psychische Gleichgewicht grundlegend in Frage stellt und die Illusion von psychischer Ganzheit als solche erkennbar werden lässt. Der Mensch versucht daher der Bedrohung auszuweichen und die Auseinandersetzung zu umgehen. Je wertvoller ihm das bedrohte Gut erscheint, umso einfallsreicher sind die Umwege, die er geht, um dieser nicht ausgesetzt zu sein.

Gelingt es dem Menschen hingegen, die Bedrohung auszuhalten und die Ursache in die eigene Verantwortung zu nehmen, so eröffnet sich ihm die Möglichkeit zu einem authentischerem Selbstbild, das ihn lebendiger, stabiler und weniger zu kränken, jedoch auch gewöhnlicher macht.37) Denn grundsätzlich gilt, dass das Ausmaß der persönlichen Idealisierung des Selbstbildes (Persona), direkt dem Umfang der persönlichen Schattenaspekte entspricht.38)

Voraussetzung für eine erfolgreiche, persönliche Schattenarbeit im Sinne der Schattenakzeptanz ist daher ein »starkes Ich, das mit der Kränkung durch den Schatten umgehen kann.«39) In der Fachsprache bezeichnet man eine solche psychische Konstitution als »kohärenten Ich-Komplex«, der die scheinbare Entwertung durch die Bewusstwerdung von Schattenaspekten verarbeiten und neues, ganzheitlicheres Verhalten erproben kann.

Zu betonen bleibt, dass das Leitbild der Schattenarbeit zum einen die konkrete Integration der Schattenaspekte in die Kohärenz des Ich-Komplexes ist. Dies geschieht in der therapeutischen Psychologie vornehmlich durch Bewusstwerdung der verdrängten Schattenursachen und der verantwortungsvollen Auslebung der entsprechenden Lebensaspekte. Langfristig wesentlicher ist hingegen das zweite Leitbild der Schattenarbeit: eine grundsätzliche Schattensensibilität und Schattenakzeptanz. Denn auch wenn spezifische Aspekte des persönlichen Schattens integriert werden können, so wird doch nie das Ideal des gereiften Menschen erreicht werden, der völlig Herr seiner Ängste, seiner Phantasien und Ideale ist.40)

»Bedenken wir die Metapher von Licht und Schatten, dann wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, mit Schatten umzugehen, dass auf jeden Fall nicht einfach Licht werden kann, wo Schatten war, denn jede neue Lichtquelle wirft wieder neuen Schatten.«41)

Der Weg von Jesod nach Tiphareth – um an die obigen Ausführungen anzuknüpfen – kann also sicherlich nicht darin bestehen, dass der ‚sündige’ körperliche Mensch seine inneren und äußeren Verfehlungen, sein vor sich selbst Schuldig-Sein vollständig und bis zu seinem Ende büßend erträgt. Auch hier ist das masochistische christliche Ideal der Schuld42) in keiner Weise zielführend. Vielmehr geht es darum, in zunehmendem Maße autonom, schöpferisch und gesund zu werden. Und zwar dadurch, dass wir vom Leben und von uns selbst »nicht nur Helles erwarten, sondern Helles und Dunkles in allen Abstufungen, Lachen und Weinen, Leben und Tod […].«43)

Als Ursache für diese Ambivalenz kann uns nicht der Verweis auf individuelle oder kollektive Schattenprojektionen dienen, sondern schlichtweg die schwer zu akzeptierende Tatsache, dass eben diese Vielgestaltigkeit das Wesen Malkuths, des körperlichen Menschen ist.


2.2 Der Doppelgänger

In seiner Zuspitzung bildet der Begriff oder das Phänomen des unheimlichen Doppelgängers44) das Verbindungsglied zwischen der therapeutischen Psychologie und dem magischen Weltbild.

Zuerst sei beschrieben, was die therapeutische Psychologie unter dem Begriff versteht: Die oben beschriebene intrapsychische Spannung zwischen Persona und Schatten kann unter bestimmten Umständen eine extreme Überspannung erfahren. In diesen Fällen kann das Individuum keine der erwähnten Schattenabwehrfunktionen im Moment der Konfrontation mit dem persönlichen Schatten erfolgreich zum Einsatz bringen. Gleichzeitig resultiert aus der Konfrontation auch keine Aufweichung der Persona, die zu einem lebendigeren Selbstbild führen könnte. Eine zunehmende intrapsychische Spannung und krampfhafte Stabilisierung findet statt.

In dieser Konstellation hält der körperliche Mensch umso ängstlicher an seiner selbst erschaffenen Persona fest, je deutlicher ihm das Unterbewusste im Alltag vor Augen führt, dass sein inneres Wesen markant von diesem verzerrten Ich-Ideal abweicht. Die Folge ist eine unkontrollierte Zunahme von persönlich empfundener Angst, Scham- und Schuldhaftigkeit. Ab einem bestimmten Punkt kann das Individuum nicht mehr die Verantwortung für seine schuldhaft und Angst beladenen Taten übernehmen. Die Folge ist eine völlige Abspaltung desjenigen Teiles, der nicht akzeptiert werden kann:

»[…] durch die Spaltung entsteht eine Art zweites Ich, ein Doppelgänger, gelegentlich ein richtiger Teufel. Wegen der Spaltung hat das eine Ich keine Kenntnis vom Tun des anderen Ich und fühlt sich daher auch nicht verantwortlich. Was abgespalten ist, wird wird nicht mehr als zur eigenen Persönlichkeit gehörend verstanden – und vergessen, wirkt aber in den Alltag hinein wie eine ‚andere’ Person.«45)

Bekannt ist dieses Motiv vor allem in der Literatur der Romantik geworden; seine berühmteste Form hat es wohl in der Geschichte von »Dr.Jekyll and Mr.Hide« von Robert Louis Stevenson gefunden. Am prägnantesten schildert jedoch Iwan Karamasow in dem Roman von F. M. Dostojewski die Begegnung mit seinem eigenen Doppelgänger:

»Nicht eine Minute akzeptiere ich dich als reale Wahrheit. Eine Lüge bist du, eine Krankheit bist du, ein Trugbild. Nur weiß ich nicht, womit ich dich vernichten kann. – Du bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meiner selbst, übrigens nur einer Seite von mir, […] meiner Gedanken und Gefühle, aber nur der allerscheußlichsten und dümmsten. – Alles, […] was sich schon längst überlebt hat, worüber ich schon längst zu einer anderen Ansicht gekommen bin […] schleppst du mir heran, als wären es Neuigkeiten. Du bist ich selbst, nur mit einer anderen Fratze, du sprichst gerade das, was ich denke […].«46)

In dieser Beschreibung wird besonders anschaulich, dass der persönliche Schatten als eine Entität aufgefasst werden kann, deren Bestandteile sich erst über die Spanne eines gesamten Menschenlebens sammeln und zusammenfügen. Die Elemente dieses Wesen bilden dabei die Gedanken und Gefühle des körperlichen Menschen: eben jene Schnittstellen zur Außenwelt, die im oberen Abschnitt als die ausgehärteten Filter von Netzach (Gefühle) und Hod (Gedanken) eingeführt wurden.

Im Gegensatz zum normalen Prozess des Spannungsaufbaus durch und der Verarbeitung von Persona-Verletzung und Schatten-Konfrontation, wird hier die innere Erfahrung nach außen projiziert: Das, was am meisten ängstigt, was wir am tiefsten an uns ablehnen und unsere Persona am intensivsten bedroht, wird nicht mehr von innen in annehmbaren Dosierungen erfahren, sondern kommt in seiner vollen Gestalt, Zerstörungskraft und scheinbar ontologischen Gewissheit von außen auf uns zu.

Die Erfahrung der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle könnte nicht deutlicher beschrieben werden. Hier ist also die Stelle zu verorten, an der psychologische Deutung und magische Praxis zueinander finden: Durch aufwendige Techniken und einen langwierigen Prozess der inneren Sinnesschulung scheint der Magier vor dem Schleier von Paroketh eine Erfahrung zu provozieren, die im Alltag gerade seinem inneren Spiegelbild, dem in sich selbst verstrickten, in Illusionen gefangenen Menschen widerfährt.

Was dem einen also der Höhepunkt seines inneren Zerbrechens, der scheinbar physische Beweis der vollzogenen inneren Spaltung ist, das ist dem anderen ein Schleier, der einen Durchgang zu einer höheren Einheit verbirgt.

Dies erklärt das magische Weltbild derart, dass in jedem von uns ein unheimlicher Doppelgänger im Laufe unseres Lebens Gestalt annimmt. Nur bleibt diese meist unserem Tagesbewusstsein verborgen und begegnet dem körperlichen Menschen höchsten andeutungsweise in Angst- und Alpträumen.

Es ist nun allerdings genau das energetische Potential dieser inneren Gestalt, das eine so heftige psychische Erschütterung zu erzeugen vermag, wie sie die magische Schwelle vor Tiphareth verlangt. Denn nicht in der atemlosen, von Strenge oder Panik erfüllten Begegnung mit dem Hüter der Schwelle, sondern in dem Moment danach, in dem Augenblick, in dem der Mensch wieder zur Besinnung kommt, nimmt eine völlig neue Gewissheit in ihm Form an: Das, was er gesehen hat, war seinem Keim nach von Beginn seines Lebens an in ihm. Wäre er vor sich selbst nicht blind, so hätte er und muss er in Zukunft in jeder Minute das gleiche Ausmaß an Angst ertragen.47)

In dieser Erkenntnis liegt eine zweite, tiefere verborgen: In der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle wird dem Strebenden unwiederkehrbar offenbar, dass auch die lichte Seite seines Charakters, die maskenhafte Persona nur zu einem Zweck von ihm geschaffen wurde: um diese dämonenhafte Nachtseite des Schattens zu verbergen.

Mit dieser Einsicht gelangt der Strebende zu dem letzten Gedanken unterhalb von Paroketh: Die eigentliche Illusion ist weder in der Persona noch im Schatten zu finden; beide sind nichts als Produkte, Strukturen in den ausgehärteten Filtern von Netzach (Gefühl) und Hod (Gedanken). Der Kern der Illusion, der der körperliche Mensch bis dahin aufgesessen ist, wird erst hinter den Nebeln der trügerischen inneren Wahrnehmungen und Emotionen sichtbar: Das ‚Ich’ des Menschen tritt als Irrlicht in den Kreis des Bewusstsein, als Chimäre und substanzlose Konstruktion.

Aus einem festen Punkt, von dem aus der körperliche Mensch die Wirklichkeit erfahren und beurteilt hat, wird ein Gerüst aus Schatten und Licht, durch das die Hand der Erkenntnis berührungslos hindurch fährt. Dahinter erst deutet sich etwas Substanzhaftes an: das Unterbewusste als Zentrum der menschlichen Kräfte und Impulse, Jesod als Torweg zu Tiphareth.

In dem Moment nun, in dem der Erkennende in völliger Bewusstheit die Funktionen, wie auch die Überzeugung eines Ichs aufgibt, löst er sich aus dem Bannkreis der unbewussten Fremdsteuerung durch Persona und Schatten, durch Geliebtes und Verhasstes, durch Bewundertes und Beschämendes. Er verliert alles, was er glaubte zu sein, Gutes und Böses, und hebt den Schleier von Paroketh.

»Wer also eine Antwort haben will auf die heute gestellte Frage des Bösen, der bedarf in erster Linie der gründlichen Selbsterkenntnis […] Er muss ohne Schonung wissen, wie viel des Guten er vermag und welcher Schandtaten er fähig ist, und er muss sich hüten, das eine für wirklich und das andere für Illusion zu halten. […]«48)

Wenn man das Böse berührt, so besteht die dringende Gefahr, dass man ihm verfällt. Man darf also überhaupt nicht mehr ‚verfallen’, auch nicht dem Guten.49)


Fußnoten

[1] Fortune, D.; (1957); S.140

[2] Das Buch Bahir; übersetzt von G. Scholem; S.85

[3] Zur Erläuterung vergleiche ebenfalls den I.M.B.O.L.C Vortrag »Einführung in die Kabbala«, bzw. ergänzend die klassische kabbalistische Literatur

[4] Sohar II. fol. 42a/43a

[5] Da die Erfahrung des Überschreitens von Paroketh intensiv mit dem Wesens Tiphareths zusammenhängt, werden in der klassischen Literatur lediglich die drei genannten Pfade angeführt. Wie man der Abbildung 1 entnehmen kann, schneidet Paroketh grundsätzlich aber auch den 21 und 23 Pfad. Inwiefern man hier vergleichbare Begegnungen wie auf den Pfaden 24-26 machen kann, sei dem praktischen Studium jeden einzelnen überlassen.

[6] Man vergleiche hierzu die Theorie und Praxis der Sigillenmagie, wie sie von Austin Osman Spare entwickelt wurde, die dies in eindrucksvoller Weise auf sehr anschauliche Art bestätigt.

[7] Parfitt, W.; Die persönliche Qabalah – Ein praktisches Lehrbuch zum Verständnis des eigenen Lebensbaumes; M+T Verlag; St. Gallen 19901988; S.116

[8] Betrachtet man das Maß der täglich investierten Zeit und Energie sowie das Ausmaß der Schmerzen, Ängste und Verluste, die sie dafür bereit sind in Kauf zu nehmen

[9] Zu einer ausführlichen Erläuterung Tiphareths im Kontext des Menschen, vgl.: Parfitt, W.; 19901988; S.115-149

[10] Der Begriff »sublunar« (lat. ‚sub’ = unter/unterhalb, »luna« = Mond) ist hier durchaus wörtlich zu verstehen. Mit dem Beschreiten der Pfade nach Tiphareth endet auch der Einflussbereich der Elementarkräfte, der in der klassischen Ikonographie stets auf die Region unterhalb des Mondes begrenzt ist. Am deutlichsten drückt diese Wandlung der Kräfte und Ebenen der 25. Pfad aus, der der astrologischen Symbolik gemäß direkt vom Mond (Jesod) zur Sonne (Tiphareth) führt.

[11] Auszug aus den Erläuterung des Seelenaufstiegs in der Merkava-Mystik nach G. Scholem (Scholem, G.; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen; Suhrkamp Verlag; Frankfurt am Main 1996 (1957) S.56)

[12] Goodman-Thau, E. (Hrg.); Das Buch Jezirah; Jüdische Quellen Band 1; Akademie Verlag; Berlin 1993; S.5 – Abdruck der deutsch-hebräischen Übersetzung von Johan Friedrich Meyer, Leipzig 1830

[13] Gemeint sind mit dem Begriff innerhalb dieses Paradigmas, die vier Welten von 1.Atziluth, 2. Briah, 3. Jetzirah und 4. Assiah (vgl. hierzu die klassische kabbalistische Literatur)

[14] Ähnlich sieht dies Rudolf Steiner, Begründer der Theosophie, der eigens Erläuterungen zum (kleinen und großen) Hüter der Schwelle geschrieben hat. Zwar argumentiert er nicht innerhalb des kabbalistischen Paradigmas, aber er verweist deutlich darauf, dass es erst demjenigen möglich ist, diese Schwelle zu überschreiten, der zur vollkommenen Verantwortung und „selbsteigenen Lenkung“ seines Schicksals bereit und in der Lage ist. (vgl. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten. Berlin 1922. S. 198-202)

[15] Personifizierungen von Wächter oder Schwellenwesen lassen sich in beinahe jedem Mythos und jeder Kultur finden. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass mit dem Überschreiten dieser Schwellen durchaus nicht immer die gleichen Erfahrungen verbunden sind, d.h. dass diese Personifizierungen durchaus nicht synonym gebraucht werden können. Noch einmal soll daher betont werden, dass es sich hier um den Wächter des 25.Pfades oder des Schleiers von Paroketh handelt. Seine besondere Stellung auf dem magischen Weg erhält er dadurch, dass er traditionellerweise der erste Schwellenwächter ist, dem der aufstrebende Magier begegnet.

[16] Szepes, M; Charon, W.; Academia occulta – Die geheimen Lehren des Abendlandes; Orbis Verlag; München 2001; S.235-236

[17] Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass die Begriffe ‚Kraft’ und ‚Schwäche’ hier weder im patriarchalischen noch im christlich-moralisierenden Sinn gemeint sind. Ihre Bedeutung bezieht sich allein auf den gesundheitlichen Zustand des organischen Systems ‚Mensch’ auf physischer, astraler und mentaler Ebene. Kräftigend ist hierbei jeder Einfluss, der die Ressourcen des Systems erhöht; als schwächend können alle Einflüsse gelten, die die Ressourcen des Systems in schädlicher Weise verringern.

[18] Szepes, M; Charon, W.; 2001; S.236

[19] C. G. Harrison: Das transcendentale Weltenall. O. O. 1897

[20] Kast, V.; Der Schatten in uns – die subversive Lebenskraft; Deutscher Taschenbuch Verlag; München 20042002; S.9

[21] Mit dem Begriff der Persönlichkeit wird im folgenden die organische Funktion des Teilsystem der unteren vier Sephiroth beschrieben.

[22] „Der Ausdruck Persona geht zurück auf das Schauspiel im alten Griechenland. Da stülpte sich der Schauspieler eine Maske – eine Persona – der mythischen Gestalt über, die er spielte, und damit war er identifiziert mit dieser Gestalt.“ (Kast; 2004; S.12) Diesen historischen Hintergrund des Begriffs im Sinne einer „Seelenmaske“ (Kast; 2004; S.12) finden wir in der magischen, rituellen Praxis der Invokation auf anschauliche Weise widergespiegelt. Die Tatsache, dass der Gebrauch einer spezifischen Maske den Kontakt zur intrapsychischen, subjektiven Persönlichkeitsstruktur unterbricht und möglicherweise eine Neuidentifikation induziert, wird von der analytischen Psychologie sehr kritisch beurteilt. In der magischen Praxis wird dies hingegen als dezidiertes Instrument benutzt, da die Persönlichkeitsstruktur und das daraus induzierte Bewusstsein nicht als Kern des Individuums, sondern als rein mechanische Funktion des Zusammenspiels von Wahrnehmungsfiltern (Netzach, Hod), Körper (Malkuth) und Unbewusstem (Jesod) verstanden wird. Kritisch im Sinne des magischen Paradigmas ist die Situation erst dann zu beurteilen, wenn der Magier das vorausgegangene Missverständnis durch ein neues ersetzt und anstatt des Bewusstseins die spezifische, invozierte Energie als Kern seiner Persönlichkeit zu verstehen beginnt.

[23] Dieckmann, H.; Einige Aspekte zur Individuation der ersten Lebenshälfte, in: Analytische Psychologie, S. 259 – 274, 1976

[24] vgl. Jung, C.G.; Die Psychologie der Übertragung; In: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste, G/W 1, S. 221

[25] Dies ist vor allem bei Personen mit narzisstischem Komplex der Fall. (vgl.: Röhr, H.-P.; Narzissmus – Das innere Gefängnis; Walter Verlag; 1999)

[26] Kast, V.; 20042002; S.19

[27] Kast, V.; 20042002; S.13

[28] Kast, V.; 20042002; S.24

[29] Jung, C.G.; Persönliches und überpersönliches Unbewusstes, GW 7; S.103 – zitiert nach Kast, V.; Anmerkung 15; 20042002; S.174

[30] Kast, V.; 20042002; S.27

[31] Kast, V.; 20042002; S.28

[32] Kast, V.; 20042002; S.30

[33] Kast, V.; 20042002; S.30/31

[34] Kast, V.; 20042002; S.31

[35] Kast, V.; 20042002; S.46

[36] Kast, V.; 20042002; S.43-48

[37] Kast, V.; 20042002; S.38

[38] „Je heller das Ich-Ideal, umso dunkler der Schatten.“ (Kast, V.; 20042002; S.65)

[39] Kast, V.; 20042002; S.46

[40] Kast, V.; 20042002; S.77

[41] Kast, V.; 20042002; S.11

[42] „Als Psychotherapeut ist Jung immer wieder den Folgen der christlichen Einseitigkeit begegnet und der Tatsache, dass Menschen, die ‚nur gut’ sein wollen, neurotisch werden. Wenn Gott ideal ist und die Menschen es sein sollten, aber nicht können, dann sind diese ‚verteufelt’. Dorothee Sölle, Theologin und Philosophin, spricht in diesem Zusammenhang von ‚theologischem Sadismus’: Gott ist strahlend, und er schickt den Menschen alles Böse als gerechte Strafe für die Sünden der Menschheit. Wer also leidet auf dieser Welt, an dem arbeitet – wenn man diese Vorstellung zu Ende denkt – Gott. Das sieht Sölle als Empfehlung an die Christen zum Masochismus. Das Leid hätte dann den Sinn, des Menschen Stolz zu brechen, seine Ohnmacht zu bestätigen und ihn, gebrochen, zu einem Gott zurückzuführen, der noch größer wird, nachdem er den Menschen so klein gemacht hat.“ (Kast, V.; 20042002; S.66)

[43] Kast, V.; 20042002; S.68

[44] Vgl. hierzu die psychoanalytische Studie von: Rank, O.; Der Doppelgänger; Turia + Kant Verlag; 19931925

[45] Kast, V.; 20042002; S.33

[46] Zitiert nach: Kast, V.; 20042002; S.34

[47] Wir verweisen hier auf das obige Zitat von C. G. Harrison

[48] C.G. Jung in seinem letzten Lebensjahr in: Jaffé, A.; Erinnerungen, Träume, Gedanken; Rascher Verlag; Zürich; S333 – zitiert nach Kast, V.; 20042002; S.81

[49] C.G. Jung in seinem letzten Lebensjahr in: Jaffé, A.; Erinnerungen, Träume, Gedanken; Rascher Verlag; Zürich; S331 – zitiert nach Kast, V.; 20042002; S.81

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