Gnothi seauton

Gnothi seauton – Erkenne dich selbst – werde, der du bist!

Dieser griechische Spruch galt dem antiken Menschen als eine Aufforderung in zweierlei Hinsicht: zum Einen zielte es ab auf die Erkenntnis und Einsicht, dass der Mensch ein begrenztes, ein unvollkommenes, ein sterbliches und somit letztlich nichtiges Wesen sei, verglichen mit den unsterblichen Göttern, zum Anderen diente der Spruch als Warnung vor der menschlichen Ignoranz, Arroganz, Überheblichkeit, Anmaßung und einem aufgeblähten Ego.

Unsere moderne Industriegesellschaft und unser soziales Umfeld fordern von uns tagtäglich, dass wir »unseren Mann« stehen, dass wir uns durchzusetzen und zu behaupten haben und wir uns lediglich mit einer sogenannten Ellbogenmentalität Gehör verschaffen können, um in der ersten Reihe der Materialausgabestelle zu stehen. Unser Alltag, unser Dasein, ja unser ganzes heutiges Sein ist geprägt von Begriffen wie Fortschritt, Karrieredenken und -streben, Umsatzsteigerung, Gewinnmaximierung, Anhäufung materieller, meist nichtiger Luxusgüter, Sicherheitsdenken und Arbeitssucht, gefolgt von Sinnkrise, Schlaflosigkeit, Depression und Burnout – tagein, tagaus. Denn: das eigene Überleben, die eigene Existenz will so effizient wie möglich gesichert sein und möchte doch auch ein jeder in seiner zweiten Lebenshälfte ein Auskommen haben.

Wir entwickeln uns so aber immer mehr zu abgestumpften, aggressiven und rücksichtslosen Menschen, die sich nicht selten auch auf Kosten Anderer bereichern und die »Dummheit der gierenden Massen« ausnutzen. Man zeigt voller Stolz, was man im Laufe der Jahre angehäuft hat, in dem Glauben, dadurch greifbare Beweise dafür geschaffen zu haben, dass diese Art des Denkens und Handelns nicht umsonst war. Angesichts dieses rastlosen Handelns übersehen die meisten, dass alle diese Bemühungen und Tätigkeiten nichts weiter sind als Ego- und Ersatzbefriedigungen, zeigen sie doch überhaupt nichts von uns selbst, von unserem innersten Verlangen und unserer innersten Sehnsucht.

Früher oder später – in der Regel aber immer dann, wenn der eigene Schmerz am Größten ist, am Intensivsten wahrgenommen wird, sprich inmitten einer Sinn- oder Lebenskrise, gelangt jeder Mensch an einen Punkt in seinem Leben, da er sich genau dieser Lebensumstände gewahr wird oder sich grundsätzlich die Frage stellt: Wer bin ich wirklich? Was will ich in diesem Leben erreichen? Was ist der größere Sinn und Zweck des gesamten Seins? Wie kann ich ein erfülltes, glückliches Leben führen? In diesem Zustand wird sich der Mensch seines Status quo in der Gesellschaft mit allen seinen Facetten bewusst, erkennt er seine Person als das, was sie im wahrsten Sinne des Wortes ist, nämlich eine aufgesetzte Maske der Funktionalität1). Dann wird diese Maske als das erkannt, was sie ist: eine austauschbare, profane Hülle, die im Extrem sowohl Engelsantlitz als auch Teufelsfratze ist.

An diesem Punkt angelangt werden in magischer Hinsicht die so fundamentalen Weichen gestellt, die darüber entscheiden, ob man fortan weiterhin mit einer Maske leben möchte oder sich dieser entledigt. Im ersten Fall ist der Pfad des »Dunklen Bruders« vorgezeichnet, da man nun – lediglich unter einem anderen Vorzeichen, eben mit magischer Intention – dem bereits oben erwähnten, egoistischen und fremdbestimmten Karrieremensch gleicht. Im zweiten Fall bekommt der Mensch zunächst eine vage Vorstellung vom sogenannten »größeren Ganzen«, vergleichbar mit einem Wanderer, der zeit seines Lebens in einem Wald umherirrte, um nun von einer Bergspitze aus das gesamte Tal überschauen zu können und dabei erstmals Flüsse erblickt, andere Wälder und Behausungen, aber auch andere Berggipfel sowie eine unendliche Weite des Horizonts.

Während dieser »Wanderschaft« geht es aber auch darum, sich auf die Suche nach der »eigenen Mitte« zu machen. Wichtig dabei ist, diese Mitte – nachdem sie gefunden wurde – zu akzeptieren, bildet sie doch das zukünftige Basislager unserer »magischen Reisen«, zu dem wir nach getaner Arbeit auch immer wieder zurückkehren (müssen), um nicht gefahr zu laufen, an Körper, Geist und Seele zu erkranken. Dieses Zentrum wiederum ist vergleichbar mit der vertikalen Achse eines Aufzugs, die es uns ermöglicht, an ihr – quasi gesichert durch starke Stahlseile – in den Seinsebenen hinauf oder hinab zu reisen.

Ihre magische Ausbildung entspricht also zwei überaus interessanten Forschungsreisen: die eine dient der Suche nach dem eigenen Zentrum, die andere führt auf den besagten unbekannten Berggipfel. Bei beiden Reisen werden Sie keinesfalls sich selbst überlassen, sondern von ehrfahrenen »Scouts« begleitet, die Sie auf interessante Aspekte, Abkürzungen, Hindernisse und natürlich auch auf lauernde Gefahren aufmerksam machen werden.

(c) Roland Gabler


1) Das lat. persona, das griech. prosôpon, wie auch der eigentl. Wortstamm des Wortes Person, das etruskische phersu, bedeuten »Maske«.

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