Gut und Böse

Besonders schwierig ist es dem menschlichen Denken die Gegensätzlichkeit in seiner Menschenwelt, in seiner moralischen Sphäre mit der Grunderkenntnis der Einheit allen Daseins zu verbinden. Die Religion spricht von der Dualität, von Gott und Teufel, die Ethik lehrt uns den Gegensatz von Gut und Böse und die Überlieferungen der Sagen unserer Ahnen sprechen von Baldur und Loki, von Luzifer, von Mephisto u.a. als der Personifizierung des bösen Prinzips im Weltenall.

Philosophisch und dialektisch lässt sich dieser offensichtliche Gegensatz leicht aufheben.

Für das Subjekt wird das Objekt zum Gegenspieler und Widerpart, – für das Ich wird das Du zum Gegensatz und schließlich zum Feind, sofern die Wesensgleichheit und Einheit aller Erscheinung im letzten Einen nicht erkannt wird oder vergessen wurde. Wenn das Objekt von sich aus in Gegensatz zum Subjekt tritt, wenn das Geschöpf sich vom Schöpfer abwendet, in der irrigen Meinung, dass es selbst aus sich und durch sich existiere, obwohl es doch nur das Produkt, die Schöpfung des einen Subjektes ist, so personifiziert sich das Objekt, das Du mit sich selbst. Es behauptet ein eigenes Selbstbewusstsein, welches jedoch nur einen Irrwahn darstellt. Das kleine Ich wähnt irrtümlich, dass es ohne das große Ich allein zu existieren vermag. Dieser persönliche »Ichwahn«, dass irgend etwas außerhalb der Einheit, dem einen Subjekt, von der Gottheit unabhängige Existenz, Leben und Selbstbewusstsein habe, ist die Ursache für den polaren Gegensatz, der in Mythen und Sagen zum Ausdruck kommt und den wir in unseren Kulturkreisen als den kosmischen Gegensatz von Gott und Teufel bezeichnen.

Die religiöse Überlieferung berichtet, dass Luzifer auch ein Erzengel sei, aber ein gefallener oder verstoßener. Der Fehler Luzifers beruhte darauf, dass er Gott nicht respektiert habe, dass er also Gott leugnete und damit seinen eigenen Ursprung, seinen eigenen Schöpfer verneinte und sich Selbstexistenz zuschrieb. Dieser Legende liegt neben ihrer kosmologischen Bedeutung ein tiefer philosophischer Gehalt zugrunde. Denn der Gegensatz als solcher hat keine beständige Existenz. Auch er wird am Ende des Weltentages in Nichts vergehen, so wie der Schatten verschwindet, wenn das Licht erlischt.

In seinem »Fliegenden Holländer« hat Richard Wagner (1813-1883) dieses Ereignis dramatisiert: »Satan, Luzifer oder Teufel sind nur Personifizierungen der negativen Kraft im Weltenall, des Gegensatzes schlechthin, der jedoch an sich weder Bestand noch Dauer hat.« Religiös werden mit diesem Begriff alle Vorstellungen und Kräfte zusammengefasst, die bewusst nicht Gott sind oder sein wollen, und die ihre eigene individuelle Existenz und ihre Materialität als primär betrachten, – kurz alles das, was wir unter Materialismus, Atheismus u. bedingt als Satanismus verstehen. Wir können jedoch nicht sagen, dass der Satan an und für sich ist, dass das Böse an sich existiert. Auch das Böse ist lediglich eine Erscheinungsform der polaren Natur Gottes. Wie es eine aufbauende Kraft im Weltall gibt, so gibt es auch eine zerstörende. Beide sind gesetzmäßig und notwendig, also per definitionem unabhängig von Gut und Böse. Sie sind nur die beiden Seiten oder Pole des einen Wesens oder Subjektes, das polar und periodisch in Erscheinung tritt und wirkt, das aber auch wieder verschwindet und ruht.

Neben der philosophischen Einsicht in diese polare Offenbarungsform der einen Gottheit, die sowohl das aufbauende wie auch das zerstörende Prinzip darstellt, sind die Erscheinungsformen dieses bösen Prinzips zu unterscheiden. Die Gestalten des Teufels oder Satans besitzen dennoch als gedankliche Schöpfung des Menschen eine relative Realität und eine gewisse astrale und mentale Existenz. Sie bewegen sich in jenem Zwischenreich des spiritistischen, welches gegenwärtig von der Parapsychologie als Wissenschaft systematisch durchforscht zu werden beginnt. Als »Teuflische« oder »Satanische« bezeichnet man mitunter auch menschliche Gestalten, die in ihrer bewussten Abwendung vom göttlichen Ursprung in maßloser Übersteigerung ihren individuellen Selbstwahn träumen (Homo et Deus vs. Homo est Deus). Sie besitzen alle niederen Prinzipien der menschlichen Persönlichkeit und gehen der drei höheren Prinzipien einer monadischen Individualität verlustig. Auch solche können sich – zu wiederholten Malen – im Menschenreich verkörpern, bis deren Lebenskraft erlischt.

Sie sind die sog. »schwarzen Magier«, von denen uns Schriftsteller wie GUSTAV MEYER (1868-1932) in Werken wie »Das Grüne Gesicht«, »Der Golem«, EDWARD GEORGE BULWER-LYTTON (1803-1873) in »Eine seltsame Geschichte«, oder JORIS-KARL HUYSMANS (1848-1907) in seinem »Là Bas« berichten, und die nicht nur im Mittelalter ihr Unwesen trieben, wie Klingsor in RICHARD WAGNERS »Parsifal«.

Jene sind Personifizierungen zerstörender, negativer Kräfte, die in allen Reichen und Sphären des Weltenalls wirksam sind als das Ferment der Dekomposition, und zwar naturgesetzlich und notwendig. Sie erfüllen im Menschenreich ebenfalls ihre weltgesetzliche Aufgabe als die »Kraft, die stets verneint«, »als Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft«, wie Goethe im Faust seinen Mephisto charakterisiert, der am Ende doch vergehen muss.


Gut und Böse: Ein sittliches Problem

Wie die Dualität im Weltenall und die negative Wirkungsweise Gottes die Menschen von je mit Ehrfurcht oder Furcht erfüllte, so tritt uns diese Polarität im Menschenreich immer wieder als das Problem von Gut und Böse entgegen. Diesem Zentralproblem haben Religionen, Kulte, Gesellschafts- und Sozialreformen, die Ethik und damit auch die Philosophie ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Göttliche und staatliche Gesetze suchten eine Norm zu finden, um festzulegen, was gut oder böse sei.

Der Definitionen und Ratschläge, der Maximen und Vorschriften gibt es viele; aber jeder Mensch sieht sich immer und ständig vor die Aufgabe gestellt, diese Frage individuell und unter eigener Verantwortlichkeit zu lösen. Kein Gesetz hat die Menschen besser oder schlechter gemacht; keine Heilslehre hat sie von der Verantwortung und Entscheidung zwischen Gut und Böse befreit. Um nun die Frage von Gut und Böse als einer polaren und weltgesetzlichen Erscheinungsform zu untersuchen, müssen wir erst abgrenzen, dass dieses Problem sowohl allen übermenschlichen als auch allen untermenschlichen Wesen gänzlich unbekannt ist.

Von allen übermenschlicher Wesen einschließlich der Gottheit stellen wir uns vor, dass sie gut sind. »Ein böser Gott« widerspricht unserer Vernunft; auch von den Engeln, sofern wir von ihnen sprechen, meinen wir, dass sie gut seien. Mit dem Begriff der Engel und Gottes verbinden wir – d.i. die Christenheit – selbstverständlich die Eigenschaft der Güte. Bei den untermenschlichen Wesen, den Tieren, Pflanzen, Mineralen, Atomen, sprechen wir jedoch nicht von Gut und Böse. Wir legen ihnen diese Attribute nicht bei. Ein Raubtier, das Menschen frisst, verurteilen wir in der Regel nicht als böse, weil wir wissen, dass es nur gemäß seiner »tierischen Natur« handelt. Die untermenschlichen Wesen kennen unsere Problemstellung nicht. Sie haben kein moralisches Bewusstsein, wie sie auch kein individuelles Ich-Bewusstsein besitzen. Sie sind weder gut noch böse, sondern handeln nach ihrer angelegten Natur, ohne jede Überlegung, moralische Absicht oder Bindung.

Eine sittlich-moralische Polarität oder Dualität gibt es weder in den untermenschlichen noch in den übermenschlichen Reichen. Nur der Mensch kennt diese moralische Polarität von Gut und Böse, die die Ethik innerhalb der Philosophie behandelt und die von Kant (1724-1804), Schopenhauer (1788-1860), Hegel (1770-1831) und Nietzsche (1844-1900) ausführlich untersucht worden ist. Die Fähigkeit, überhaupt Gut und Böse unterscheiden zu können, ist einmal an ein individuelles Ich-Bewusstsein gebunden; dieses hat der Mensch, aber nicht das Tier. Zum anderer setzt sie ein moralisches Vermögen voraus, aufgrund dessen der Mensch überhaupt Gut und Böse per definitionem unterscheiden kann. Aus der Struktur des Menschen, die sich aus der niederen Persönlichkeit und der höheren Individualität zusammensetzt ergibt sich, dass das moralische Vermögen des Menschen in der Sphäre der Tugend- oder Ursachenwelt beheimatet ist, in der auch der Sitz der Seele als Bewusstseinszentrum zu suchen ist. Diese Sphäre des Menschen ist nun in jedem einzelnen ganz verschiedet ausgebildet und entwickelt. Daher ergibt sich, dass auch die Unterscheidung von Gut und Böse recht unterschiedlich ausfällt. In dem Maße, wie das Bewusstsein des Menschen in der Tugendwelt sich entfaltet und tätig ist, wird sich auch die Tugend seiner Güte betätigen und entfaltet können. Die Seele wirkt unmittelbar durch die mehr oder weniger entfalteten Fähigkeiten von Vernunft, Gemüt und Gewissen auf unser Denken, Wollen und damit auf unser Handeln ein.

Dass diese Seelenfunktionen, von denen die Betätigung des Guten maßgeblich beeinflusst wird, bei vielen Menschen noch schwach ausgeprägt sind, ersehen wir schon am häufigen Sprachgebrauch der Worte: »ein Mensch ohne jede Vernunft« oder »ein unvernünftige Mensch«, »ein Mensch ohne Gemüt« oder »ein gemütsarmer Mensch«, »ein Mensch ohne Gewissen«, oder »ein gewissenloser Mensch«.

Die Unterscheidung zwischen göttlicher Seele und vergänglicher niederer Persönlichkeit, dis sich aus der menschlichen Struktur ergibt, weist uns noch auf eine Polarität innerhalb unserer selbst hin. Zwei Seelen finden wir in unserer Brust: wir unterscheidet allgemein zwischen Seele und Leib; andere sorgfältigere Beobachter ihrer selbst stellen zwei Stimmen in unserem Herzen fest, deren eine das Gute fordert, während die andere zum Schlechten verleitet. Gewissen und Verlangen liegen beständig in uns im Kampfe miteinander. Wir alle unterscheiden deutlich die Stimme des Gewissens und die Stimme des Versuchers. Leider haben viele Menschen unserer europäischen Kulturwelt verlernt, sich und die Vorgänge in ihrem Herzen zu beobachten. Aber gerade Kindern ist diese Kenntnis der beiden Kräfte in einer fast vorbildlichen Klarheit noch bewahrt, wie aufmerksame Erzieher feststellen können.

Diese konkrete Spaltung und Gegensätzlichkeit des Menschen also ist die Ursache, dass es überhaupt ein Problem von Gut und Böse gibt.

Goethe lässt seinen Faust klagen:

»Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hängt mit derber Liebeslust
Sich an die Weit mit klammernden Organen,
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.«

Nicht treffender könnten die einander widerstrebenden Kräfte im Menschen charakterisiert werden. Wir Menschen erweitern nicht ganz zutreffend unser Entscheidungsproblem zwischen Gut und Böse zu einem prinzipiellen Gegensatz von Geist und Materie und konstruieren einen universalen Gegensatz, der im Wesen der Einheit gar nicht gegeben, sondern nur in der Erscheinungswelt(!) selbstverständlich, gesetzmäßig und notwendig wirkt.

Die hinduistische Philosophie nahm schon früh in der Bhagavad Gîtâ (13. Gesang) zu der Polarität von Geist und Materie, zu der Dualität der zwei Seelen und zum Problem von Gut und Böse Stellung:

»Auch sollst Du wissen, dass, sowohl der Geist
als auch das Stoffliche ohn‘ Anfang ist,
Und dass die Eigenschaften der Natur
In der Natur selbst ihren Ursprung haben.
Es wirkt der Stoff durch seine eig’nen Kräfte
Und baut sich wandelbare Formen auf.
Der Geist, der sie bewohnt und überschattet,
verursacht, dass sie Lust und Leid empfinden.
Wenn sich der Geist mit Stofflichem verbindet,
So nimmt er an den Eigenschaften teil,
Die der Natur gehören,
und mit ihnen erzeugt durch sie er
Gutes und auch Böses.«

Das Gute und das Böse sind also nur der Ausdruck des einen Subjektes, des eigentlichen Ichs. Während jedoch die zum Abstrakten und Idealen gerichtete Vernunft und Tugendkraft der Seele das Gute will und schafft und zur Einheit mit ihrem göttlichen Ursprung strebt, von dem sie nur ein Strahl oder Fünklein darstellt, schafft und bewirkt die auf das Konkrete und Vergänglich-Irdische gerichtete Wunschkraft der Seele das Böse, solange sie dem Ichwahn, dem schönen Schein und der irdischen Erscheinungswelt mit ihrer bitteren Lust verhaftet bleibt – keine Forderung – eine Erkenntnis.

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist letztlich nur an eine Verlagerung des Bewusstseins gebunden.

Strebt der Mensch zum Göttlichen, zieht er seine Seelenkräfte aus dem persönlichen Verlangen, Wünschen und Begehren zurück. Die Welt wird ihm ein Nichts im absoluten Sinn; er erkennt sie als Schein (Maya), Täuschung, als Schatten, ohne Bestand und absoluten Wert. Er erkennt die Weltgesetze und die Einheit des Alls, sich selbst aber als eins mit der Gottheit. In diesem Falle sieht er sich geradezu genötigt, in seinem Sinne »gut« zu handeln, weil seine Natur die göttliche Güte widerspiegelt und ausdrückt.

Hält der Mensch jedoch die Vielfalt der Welt für erstrebenswert, begehrt er für seine geliebte Person materiellen Genuss, hält er an der Vorstellung seiner Selbstexistenz fest und verneint er die Einheit mit der Gottheit, die Einheit des Alls, so bindet er seine Vorstellungen, Seelenkräfte und Handlungen an das Materielle und an die vergängliche Form. Mit dem Verschwinden der Form geht Enttäuschung einher; er ist enttäuscht und unglücklich. Um aber die vermeintlich wertvolle Form zu erhaschen, wird er, weil er nur an sich und nicht an andere denkt, diese schädigen, benachteiligen und beeinträchtigen. Solches Verhalten aber bezeichnen wir als schlecht, weil es das Lebensrecht der anderen verletzt und schmälert. Handelt der Mensch aber bewusst zum eigenen Vorteil und bewusst zum Nachteil anderer, dann bezeichnen wir ihn als böse.

Damit finden wir ein weiteres Charakteristikum für unser sittliches Verhalten. Es muss bewusst geschehen, sei es als Motiv oder Absicht, als bewusster Wille oder als bewusste Tat. Nur wenn eine bestimmte Absicht vorliegt, können wir sie als gut beurteilen oder als böse verurteilen. Das Motiv erst gibt dem Menschen seinen sittlichen Wert. Stellt das Leben einen Menschen nicht vor eine moralische Entscheidung, verdient er nicht das Prädikat »gut«, da er das Böse zu tun ja gar nicht in der Lage war. Hat jedoch andererseits eine Handlung nicht den gewünschten Erfolg, weil Widerstände, Schwierigkeiten und Missverständnisse ihn hinderten, so können wir einen solchen Menschen auch nicht als »böse« verurteilen.

Die Polarität unseres menschlichen Daseins zwischen Gut und Böse liegt letztlich darin begründet, dass der Mensch als einziges Wesen im All beiden Welten und Gegensätzen angehört, in seinem höheren Teil der geistig-göttlichen Welt, der seine Seele zugehört, – in seinem niederen Teil der materiell-stofflichen Welt, dem sein Leib angehört. Diesen fundamentalen Gegensatz, der weltgesetzlich bedingt ist, muß der Mensch in sich selbst auszugleichen suchen, indem er sein Bewusstsein und seinen Willen auf das Göttlich-Ideale richtet und sich von den Bindungen an das Konkret-Stoffliche der Schattenwelt und der Vielfalt der Erscheinungen zu lösen bereit ist. Dann erst wird er imstande sein, sich von der Bindung an die materielle Formwelt zu lösen, die ihn wie eine Kette an das Rad unzähliger Verkörperungen schmiedet.

Die Unterscheidung von Gut und Böse, die Überwindung der Dualität von Sein und Nicht-Sein, die Erkenntnis der Einheit mit der Gottheit als dem Subjekt und eigentlichen Ich erlernt der Mensch jedoch nur durch die Tat. Der Inhalt einer jeden Philosophie ist einmal die Erkenntnis der Einheit des Alls, sodann die Lehre von der Göttlichkeit der Menschenseele und zuletzt die Forderung zur rechten Tat zur Pflichterfüllung, wie sie Kant in seinem kategorischen Imperativ aufgrund seiner tiefen Kenntnis der indischen Philosophie stellt.

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