Hermetische Texte

Einen weiteren wichtigen und fundamentalen Aspekt unseres theoretischen und praktischen Magiestudiums bilden die sog. »Hermetischen Texte«. Darunter verstehen wir sowohl alchemistische Traktate, als auch (in der Hauptsache) eine Schriftensammlung, die seit wahrscheinlich über 1.500 Jahren den Titel »Corpus Hermeticum« trägt. Diese Texte repräsentieren kein Buch bzw. abgeschlossenes Werk im heutigen Sinne, sondern vielmehr eine Textsammlung, ein Konglomerat diverser Textfragmente, die zu einem großen Teil und auf den ersten Blick in keinem erkennbaren Zusammenhang stehen und viele ihrer Leser bis heute hauptsächlich ungläubig bis abfällig den Kopf schütteln lässt. Wieder andere, die sich mit diesen Schriften immerhin befassten und zu deuten versuchten, verwirrten sie mehr, als dass sie aufklärten, tiefe Erkenntnisse brachten, geschweigedenn erleuchteten. Der Grund: Ein nur mangelhaftes Verständnis der zuweilen tiefgründigen, inhärenten, philosophischen Hermeneutik resp. »Geistigen Alchemie« mit ihren eklektizistischen Wurzeln und Bezügen gnostischer, neuplatonischer und neupythagoreischer Couleur.

Datierung

Von jedweden esoterischen Mutmaßungen und mythologischen Prägungen befreit, wird der Corpus Hermeticum heutzutage von Experten (Historikern, Religionswissenschaftlern) entstehungsgeschichtlich in den Zeitraum vom 1. bis zum 6. Jahrhundert n.d.Z. gelegt; wohlgemerkt: die Entstehungszeit der Textsammlungen, nicht der Inhalt der überlieferten Texte, die durchaus einige Jahrhunderte vor Jesu Geburt entstanden sein können.

Umfang

Das Corpus Hermeticum besteht heute aus 17 Abhandlungen gnostischer und pantheistischer Prägung; ein kläglicher Rest, bedenkt man, dass sie uns letztlich aus der Alexandrinischen Bibliothek des König Ptolemaios I. (305-282 v.u.Z.) überliefert sind, der einst berühmtesten und größten Bibliothek der Welt, die zu Cäsars Zeiten zirka 700.000 Bücherrollen umfasste. Leider wurde diese einst weltgrößte Büchersammlung im alexandrinischen Krieg (47 v.u.Z.) und später von einem christlichen Kirchenvater, der sie als »ketzerisch« betrachtete, durch Brand zerstört. Zwei dieser Texte – das sog. »Kybalion« und die »Smaragdtafel« (Tabula smaragdina hermetis) – dürften dem heutigen Esoteriker und Okkultisten noch bzw. wieder ein Begriff sein. Die beiden letzteren zählen aber genau genommen gar nicht zu den besagten 17 Abhandlungen, sondern werden gesondert aufgeführt.

Autorschaft

Als geistiger Urvater des Corpus gilt der sagenumwobene Hermes Trismegistos (übersetzt: Dreimal größter Hermes), der bereits von den ägyptischen Pharaonen als Gottheit (ibisköpfiger Thoth) verehrt worden sein soll. Diese Texte neuplatonischen und neupythagoreischen Charakters hatten wiederum einen großen Einfluss auf westliche Logen und Orden bzw. berühmte Alchemisten, Okkultisten und Magier des 19. und 20. Jhs. Besagter Hermes Trimsegistos hat in der hermetischen Literatur – die wir en detail noch beleuchten werden – die Funktion eines Arztes, Chemikers, Weisen und Gesetzgebers.

Besagter Hermes Trismegistos leitet sich namentlich zwar von dem griechischen Gott Hermes (latinisiert Mercurius) ab, ist mit diesem aber nicht identisch. Wollte man den »dreimal größten Hermes« einem Pantheon zuordnen, so wäre der ägyptische ibisköpfige Thoth – Gott der Magie, der Weisheit, Wissenschaft und Schreibkunst – die richtige Wahl.

Historische Belege & Mythen

Nach Aussage des ägyptischen Priesters und Gelehrten Manetho und Jamblichus von Chalkis (~250-300 v.u.Z.), einem neuplatonischen syrischen Philosophen, regierte Hermes Trismegistos unglaubliche 3.226 Jahre und hinterließ angeblich 36.525 Bücher über die »Gesetze der Natur«. Der christliche Kirchenvater Clemens von Alexandrien (150-215 n.u.Z.) erwähnt in seinen Stromateis (VI, 4,35-38) »nur noch« 42 Bücher der Weisheit (Philosophie), 6 davon über Medizin, die er mit eigenen Augen habe gesehen. Sie wurden in einer feierlichen Prozession eines ägypt. Tempeldienstes öffentlich zur Schau getragen. Dazu aber muss man folgendes wissen: Im Allgemeinen wurden besagte hermetische Bücher – vielmehr Loseblattsammlungen – in den entsprechenden Tempeln aufbewahrt und nur bei heiligen Prozessionen mitgeführt und eine besondere Rolle spielten sie bei Begräbnisprozessionen. Auf den Prozessionswegen wurden diese Bücher mit Argusaugen bewacht.  Unter dem Begriff »Bücher« müssen wir uns in diesem Zusammenhang aber – im antiken Sinne – vorrangig einzelne Hauptabschnitte oder Kapitel eines größeren Gesamtwerkes vorstellen. Leider sind diese »Bücher«, die Clemens selbst noch genau gekannt haben muss, verloren gegangen. Ihr Inhalt ist heute nur noch fragmentarisch aus griechisch und lateinisch abgefassten und mit ägyptischem Charakter versehenen Papyri rekonstruierbar – wenn überhaupt. Julius Ruska (1867-1949) hat uns aber zumindest in seiner Tabula Smaragdina (»Tabula Smaragdina: Ein Beitrag zur Geschichte der Hermetischen Literatur«, Carl Winters Universitäts-Buchhandlung, 1926) die betreffende Stelle aus des bereits oben erwähnten Clemens von Alexandrien Werk Stromateis in einer deutschen Übersetzung wiedergegeben. Pythagoras (570-510 v.u.Z.) soll es sogar – aufgrund der Kenntnis ihres Inhaltes – gelungen sein, die priesterlichen Weihen zu empfangen, deren er bedurfte, um in die tieferen Geheimnisse (Arkana) der Ägypter eingeweiht werden zu können. Bekanntlich durften damals nur »Priester ersten Ranges«, wie uns wiederum der griech. Philosoph Plutarch (~46-120) in seiner Schrift »Über Isis und Osiris« berichtet, in die streng geheim gehaltenen Kenntnisse der ägyptischen Naturphilosophie eingeweiht werden. So durften auch nur initiierte Priester die Heilkunde ausüben, verfügten folglich auch nur sie über ein entsprechend hohes Maß an Erfahrung.

Das Corpus Hermeticum

Beim Corpus Hermeticum handelt es sich um zwei verschiedene Schriftsammlungen unterschiedlicher Quellen, die als eklektisch zu bezeichnen sind: zum einen altgriechische Schriftstücke, zum anderen in Latein verfasste Texte, die sowohl in Brief- als auch in Dialog- und Predigtform abgefasst sind.

Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um einen kläglichen Rest anonymer Schriften, die Versatzstücke aus ägyptischer, griechischer und persischer Philosophie einerseits, Mythologie, Kosmogonie und Kosmologie andererseits darstellen. Wir können heute leider – wie bereits erwähnt – nur noch vermuten, dass in den ältesten hermetischen Schriften neben grimoire-ähnlichen Zauberformeln und magischen Praktiken auch spagyrische Heilrezepte und sachliche chemische Rezeptformeln abgehandelt wurden. Überliefert ist uns leider nicht eine einzige komplette – sprich zusammenhängende – Schrift.

Erstmals historisch fassbar werden diese Hermesschriften bei dem heidnischen Gnostiker und oströmischen Geschichtsschreiber des oberägyptischen Panopolis: Zosimos (5. – 6. Jh. n.u.Z.), wie auch bei dem aus Theben stammenden griechischen Heiden und Historiker Olympiodoros (5. Jh. n.u.Z.), der auch der »Schule des Zosimos« angehörte und sich hauptsächlich für Alchemie interessierte. Aber auch hier sind die Quellen noch mehr als dürftig: neben einigen chemischen Rezepturen schildert uns Olympiodoros in seinen Kommentaren über diese »heilige Kunst« einige weltanschauliche Sichtweisen, hier zitiert von dem bereits erwähnten Julius Ruska:

»Hermes also nennt den Menschen eine kleine Welt, indem er sagt, dass alles, was die große Welt besitzt, auch der Mensch besitzt. Die große Welt besitzt Land- und Wassertiere, der Mensch Flöhe, Läuse und Würmer. Die große Welt besitzt Flüsse, Quellen, Meere, der Mensch die Eingeweide, Adern und Körperausgänge. Die große Welt besitzt die Lufttiere, der Mensch die Mücken usw. Die große Welt besitzt sich ausbreitende Strömungen, wie die Winde, Donner und Blitze, der Mensch die Blähungen, Krankheiten und Gefahren. Die große Welt besitzt Sonne und Mond, der Mensch die beiden Augen, und zwar vergleicht man das rechte mit der Sonne, das linke mit dem Mond. Die große Welt hat Berge und Hügel, der Mensch Knochen und Fleisch. Die große Welt hat den Himmel und die Sterne, der Mensch seinen Kopf und die Ohren. Der Himmel hat die zwölf Tierkreiszeichen vom Widder bis zu den Fischen, der Mensch hat das gleiche vom Kopf bis zu den Füßen […]«   (2, S. 15-16)

In diesen Sätzen spiegelt sich deutlich die alte Makro-Mikrokosmos-Denkart indo-iranischer Herkunft wieder, das primär nicht auf ägyptischem Boden entstanden ist. Die Hermes-Literatur führt somit auch ganz bestimmte Sichtweisen und uralte Traditionen aus der persischen Vergangenheit Ägyptens fort. Bereits in den ältesten uns überkommenen Texten findet sich – durch alle Jahrhunderte bis in unsere Zeit hinein – diese Form von Eklektizismus als Leitlinie dieser Literaturgattung.

Wir dürfen annehmen, dass die ersten alchemistischen Autoren, besonders aber der bereits erwähnte Zosimos, die Hermes-Literatur noch im Original kannten, die, als Corpus Hermeticum zusammengefasst, eine religiöse Geheimlehre oder gar in verschlüsselter Form die ägyptische Religion selbst darstellte.

Dazu sei erneut Ruska zitiert: »Wenden wir uns nun der Geschichte der hermetischen Literatur zu. Womit will man ihre Beschränkung auf die griechische und lateinische Schrift rechtfertigen? Dass ihre Quellen zu einem guten Teil auf echt ägyptisches Gut zurückführen – ich erinnere nochmals an Clemens Alexandrinus -, steht außer Frage. Die uralte Beziehung aller Künste und allen Wissens auf die ägyptischen Götter, die absichtsvolle Geheimniskrämerei der Priester und Vorsteher der Tempelwerkstätten ist Tatsache. So werden wir nicht nur von Anfang an eine mystisch-religiöse Umrahmung oder Einkleidung technischer Vorschriften für möglich halten, es wird auch nach Herauslösung und Verselbständigung der wissenschaftlichen Literatur das Bedürfnis geblieben sein, dem geheimen Treiben einen theosophischen Hintergrund zu geben, es wird ein dauernder Anreiz geblieben sein, Neues in die alte Form zu kleiden und als Weisheit des Agathodaimon (= guter Dämon, im Ggs. zum Kakodaimon = bösen Dämon), des Hermes und anderer Götter und Propheten im Umlauf zu bringen. Das siegende Christentum hat die auf Hermes gegründete Erlösungslehre – wie so vieles andere – überwunden und vernichtet, die Astrologie und Alchemie indes hat es nie gänzlich besiegen können. Eine neue hermetische Literatur okkultistisch-religiösen Charakters bildet sich im Orient und wandert durch die Vermittlung des Islams zurück nach dem Abendland.« (2, S. 36-37)

Hermes Trismegistos wurde, da man ihm diese Werke zuschrieb, für den Begründer all dieser Lehren gehalten, die man schließlich – in späterer Zeit – eine »hermetische« nannte. Niemand hielt es für möglich bzw. wagte es, die Authentizität dieses mythischen Schriftstellers anzuzweifeln, von dessen Existenz solch philosophische Größen wie Platon, Diodorus Siculus (1. Jh. v.u.Z.), Tertullian (150-230), Galenos von Pergamon (129-216), Iamblichos von Chalkis und viele andere der Zeit überzeugt waren.

Die Renaissance der Hermetischen Schriften

Ein altgriechisches Manuskript hermetischen Inhalts – der Codex Laurentianus – wurde um das Jahr 1460 von dem Mönch Frater Lionardo von Pistoja in Bulgarien (Mazedonien) entdeckt und nach Florenz gebracht, wo es schließlich von dem Florentiner Philosophen und Humanisten Marsilio Ficino (1433-1499) im Auftrag des Cosimo de Medici (1389-1464) im Jahre 1463 ins Lateinische übersetzt und im Jahre 1471 erstmals unter dem Titel Poimandres gedruckt wurde. Cosimo war an der Übersetzung dieser Schrift derart viel gelegen, dass er Marsilio befahl, dessen aktuelle Arbeit – die erstmalige Übersetzung platonischer Schriften ins Italienische – unverzüglich einzustellen.

Besagte Traktate behandeln, teils moralische, teils mystische und philosophische Ideen dieser frühen Epoche, die uns stellenweise auch an gnostisches Schrifttum und Gedankengut erinnern und vor allem die Humanisten des 15. und der nachfolgenden Jahrhunderte begeisterte und in ihren Bann zog, weshalb einzelne Texte des Corpus Hermeticum immer wieder neue Kompilationen erfuhren. Die bekannteste dieser Schriften trägt den bereits oben erwähnten Titel Poimandres, was so viel wie »der Menschenhirte« bedeutet. Einige Passagen dieser Schrift zeigen allerdings eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Johannes-Evangelium des Neuen Testaments. Auch lässt der griechische Titel der Schrift selbst (Poimandres – der Menschenhirte) vermuten, dass diese ohnehin wenigen uns überlieferten Schriften im Urchristentum entstanden sein könnten.

Zum Corpus Hermeticum zählen wir neben vornehmlich griechischen einige lateinische und koptische Schriften, die uns als sogenannte Hermetica überliefert worden sind. Die Hermetica beginnen mit dem Poimandres, benannt nach dem griechischen Wort für »Menschenhirte«, dem »Geiste der himmlischen Macht«, der hier als Offenbarungsvermittler erscheint. Die Hermetica stellen letztlich eine Sammlung persisch-ägyptischer Schriften dar. Der Poimandres berichtet von der Welt- und Menschheitsentwicklung mit den iranischen Gedankengängen vom Urmenschen, vom kosmischen Sündenfall und der Erlösung durch den gnostischen Aufstieg der Seele in die sieben Planetensphären, bis sie in einem achten Kreis »den Vater preist mit denen, die dort sind«, um schließlich noch darüber hinaus sich mit ihm zu vereinigen.

Die gleichen Spekulationen sind uns bereits bekannt aus der heidnischen Gnosis, eine Mischung griechischen, vornehmlich platonischen Gedankenguts mit persisch-vorderasiatischen und ägyptischen sowie speziell semitischen Kabbala-Elementen. Hinzu kommen die damaligen chemischen Kenntnisse, die sich in die gnostisch-naturwissenschaftliche Lehre als neuer Faktor einfügen. Zum besonderen Zentrum der Alchemie wurde während der Entstehungszeit Alexandria und wohl auch der ostpersische Raum, wie wir aus jüngsten Forschungsergebnissen wissen. Nach dem Verfall Alexandriens kam das Wissen auf die Araber und die Syrer. Aus arabischen Quellen, verbessert von arabischen und unter arabischer Herrschaft wirkenden persischen Alchemisten, gelangte die Lehre von der Kunst der Metallverwandlung ins Abendland, wie auch andere Wissenschaftszweige. Ein weiterer Weg von den Syrern über die Byzantiner in das Abendland war der gleiche wie der des florentinischen Neuplatonismus des 15. Jhs.

Das Schicksal des Poimandres, dessen Inhalt bis in unsere heutige Zeit hinüber gerettet und zuerst von dem Altphilologen Richard Reitzenstein (1861-1931) interessierten Kreisen erneut aufgeschlossen wurde, war maßgeblich durch den bereits erwähnten, als Verfasser zahlreicher Schriften zur griechischen Heilkunde bekannten Staatsmann und Philosophen Michael Psellos (1018-1076/79) beeinflusst worden. Er brachte diese seltsame Sammlung von 18 Schriften zusammen, die uns heute noch überliefert sind. Die Schriften, wohl um das 2. bis 3. Jh. n.u.Z. in gnostischen bzw. neuplatonischen Kreisen entstanden, waren bereits Quellen für die alchemistischen Spekulationen des Zosimos. Bis ins hohe Mittelalter reicht ihr Einfluss. Den Arabern waren sie ebenfalls vertraut, und Gelehrte, wie der scholastische Philosoph und Theologe Petrus Abaelardus (1079-1149) und Albertus Magnus (1193-1280), studierten sie eingehend. Im 14. Jh. wirkten sie dann auf die neuplatonische Akademie in Florenz. Kopernikus (1473-1543) eignete sich von der Lichtphilosophie, die einen wesentlichen Bestandteil des Poimandres ausmacht, viele Gedanken an.

Zur Philosophie der Hermetischen Schriften

Diesbezüglich gleichen sich alle Textfragmente des Corpus Hermeticum – wie übrigens auch die Schriften der Alchemie – es sind stets allegorisch, gleichnis- und beispielhafte (bis transmutative) Kosmologien, niemals aber direkte. Wir begegnen diesem Gedankengut auch in den altgriechischen  und ionischen Philosophenschulen (7. Jh. v.u.Z.), bei Thales v. Milet und Heraklit (600 und 6. Jh. v.u.Z.), den Pythagoreern (5. u. 4. Jh. v.u.Z.) und bei Platon (5. u. 4. Jh. v.u.Z.):

Im Zentrum des Weltenalls befindet sich die Erde. In dieser als »sublunar« bezeichneten Sphäre herrscht ein steter Wandel, d.h. die vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Luft – befinden sich in einer permanenten Wechselwirkung miteinander und sind dabei auch ineinander transmutierbar (vgl. Alchemie). Die Planeten und Sterne indes sind sozusagen »translunarisch«, also nichtirdischer Natur, sind fix, nicht wandelbar und bewegen sich auf fixen Bahnen um die zentralistische Erde: ihr Wesen ist das »fünfte Element«, das der Erde fremd ist, die Quintessenz, die paracelsische und somit spagyrische und alchemistische Quinta essentia. Ferner repräsentiert der Mensch den sog. »Mikrokosmos« als das kleine Abbild des »Makrokosmos«, d.h. der restlichen Schöpfung. Diese Mikro-Makrokosmos-Analogie findet sich u.a. auch beispielhaft in der hermetischen Schrift Tabula Smaragdina und vielen alchemistischen Schriften des 16. bis 19. Jhs. wieder: »[…]was unten ist, ist gleich dem, was oben ist, und was oben sich befindet, ist gleich dem unteren zwecks Bereitung des Einen Dinges […]« Der Einfluss des Makrokosmos erstreckt sich dabei nicht nur auf den Menschen allein, sondern auch auf Tiere, Pflanzen, Minerale und Metalle, denen die Fähigkeit zur Wandlung (Transmutation) resp. zum Wachstum und zur Entwicklung attribuiert wird.

Ein weiteres in diesem Zusammenhang sinnfälliges Symbol ist das Philosophische Ei der Alchemisten, in dem sich quasi im Kleinen die gesamte Schöpfung wiederholt. Die Verbindung der (makrokosmischen) Planeten mit den Metallen bspw. (siehe oben) zeigt sich folglich also auch in der Zuordnung der Metalle zu den (damals sieben) Planeten, den Düften, den Farben usw.

Anders ausgedrückt bzw. auf geistiger Ebene: Das Ziel der Hermetik (des Menschen) ist es, zum Ursprung zurückzufinden und die Diskrepanz (Abyss) zwischen der materiellen (sublunar) und der geistigen Welt (translunar) zu überwinden, um eine Einheit des Ganzen wiederherzustellen, d.h. die Harmonie zwischen Körper (Handeln), Seele (Empfinden) und Geist (Denken), bzw. dem Ruach Elohim der Hebräer und dem Logos der Griechen.

Relativierung respektive Widerlegung

Hier zeichnet nun ein gewisser Isaac Casaubonus (1559-1614) verantwortlich; ein universalgelehrter Protestant und Humanist, der in seiner Abhandlung »De rebus sacris ecclesiasticis exercitationes XVI« (1614, London) die durchaus schlüssige, aber dennoch nicht eindeutig nachweisbare Behauptung aufstellt, dass das Corpus Hermeticum um das 1. bis 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende von griechischen und christlichen Autoren in Ägypten verfasst wurde. Dazu Casaubonus: »[…] Schreibstil, Wortwahl und die häufigen christlichen Bezüge bzw. Zitate lassen keine anderen Schlussfolgerungen zu […]«

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