Magie der Gegenwart

Der magisch Übende des 21. Jahrhunderts muss alle Verantwortung seines Handelns auf sich nehmen, denn er muss sich stets als Denkenden bezeichnen. Er wählt seinen Weg, seine Methode selbst, auch dann, wenn sie von einem persönlichen Lehrer oder von einem, der sich durch seine Schriften mitteilt, stammen. Früher lag die Verantwortung für den magischen Weg ausschließlich beim Lehrer; selbst das Schüler-Lehrer-Verhältnis wurde vorwiegend durch den Lehrer bestimmt.

Dass heute der Schüler der Magie selbst die Verantwortung tragen muss, erfordert, dass der Weg, seine einzelnen Schritte, für ihn im voraus durchschaubar und verständlich sein müssen, das wenigstens so weit, dass er – bevor er den Weg erstmals betritt – die Auswirkungen seiner einzelnen Schritte voraussehen kann.

In früherer Zeit war das eine unerfüllbare Forderung; denn sie bedingte, dass der Schüler eine bestehende dogmatische Sichtweise über die geistigen, seelischen und körperlichen Struktur des Menschen übernahm. Heutzutage sind vielmehr die Fähigkeiten eines jeden einzelnen notwendig und gefragt – eine Zeit des Studiums, mit der die durch den Lehrer angedeutete Erkenntnisaufgabe durch stets neue, intuitiv gebildete Begriffe bewältigt werden kann.

Da der »moderne Mensch« im Gegensatz zum archaischen kein anderes helles Bewusstsein besitzt als das Denkbewusstsein, muss jede seiner ersten Übungen zuforderst mit dem denkenden Bewusstsein in Zusammenhang gebracht werden bzw. stehen. Das denkende Bewusstsein sollte beim »Abendländer« nicht umgangen werden, da sonst die Gefahr besteht, die hellste Bewusstseinsfunktion des Menschen zu vernachlässigen und unverändert zurückzulassen.

Aus genau diesen Gründen kann es für den »modernen Menschen« zunächst keine direkte Atemübung, kein denkerisch unverstandenes Mantram, keine Laut-Meditation geben, sondern erst nachdem durch eine einleitende Bewusstseinsentwicklung eine neue Sensibilität, ein neues Bewusstsein für selbige erworben wurde.

Der Student der magischen Künste kann zunächst nichts anderes klar durchdenken als Begriffe der vom Menschen hergestellten Gebrauchsgegenstände. Anhand der Bildung solcher Begriffe und Vorstellungen erlernt der Student das konzentrierte selbstlose Denken. Ist ihm das einigermaßen gelungen, so kann er damit beginnen, Denkmeditationen zu üben, d.h. Sätze und Inhalte, die sich nicht auf die Welt der Sinneswahrnehmungen beziehen, sondern auf wortloses Denken. Der beispielsweise unmittelbar begreifbare Sinn der Meditationssätze ist für das Verstandesdenken als Ausgangspunkt fassbar; ihr inhärenter Sinn hingegen ist unerschöpflich und nur der Meditationsgebärde zugänglich.

Das Wesen der »Versenkung« in den Gegenstand der sog. »Meditation« (in einen Begriff, einen Satz (meist Aphorismus), einen physischen Gegenstand), oder das »Ruhen« auf ihm, kann annähernd als wortloses Denken beschrieben werden. Ein sinnvoller, einen neuen Sinn tragender Satz entsteht im Menschen auch erst ohne Worte, die Sinnbedeutung lebt unmittelbar vor der Verkörperung in Worten auf, erst danach wird sie in Worte gefasst und formuliert. In der kontemplativen Phase wird nun angestrebt, den »vorwortlichen«, »überwortlichen« Sinn intuitiv zu erfassen und im intuitiven Erleben zu verbleiben, erfahrend zu erleben.

Nach dem Erüben der Denkmeditation können dann Vorstellungs- und Bildmeditationen vorgenommen werden, später Wahrnehmungsmeditationen an Naturgegenständen, deren Sinn für das Alltagsbewusstsein nicht denkbar ist. Für die Wahrnehmungsmeditationen muss der Übende die Gebärden der Denk- und Vorstellungsmeditation einigermaßen beherrschen. Ziel der Bewusstseinsübungen ist es, das gespiegelte Alltagsbewusstsein zu überwinden und in der Sphäre des lebendigen Bewusstseins – im Leben – bewusst zu werden. Während man früher dieses Ziel durch Eliminierung des damals noch schwachen Alltagsdenkens verfolgte (Askeseübungen), geht es heute darum, das Alltagsdenken nach seinen Quellen zu orientieren und es zu ihnen hinzuführen.

Dass diese Quellen heute im Wirkungsbereich des Alltagsdenkens liegen, ist das Ergebnis der vorangegangenen Entwicklungsstufen, was sich darin zeigt, dass der heutige Mensch über seine Bewusstseinserscheinungen zu denken und zu sprechen vermag. Die Möglichkeit zur Überwindung des Alltagsbewusstseins war einstmals dadurch gegeben, dass der Mensch andere Bewusstseinsfähigkeiten, z.B. das erkennende Fühlen, hatte, an das die Schulung anknüpfen konnte, auch wenn das Alltagsdenken abgedämpft worden war.

Neben den direkteren Übungen zur Entwicklung eines höheren Bewusstseins gab es zu allen Zeiten andere mit dem Ziel, Bewusstseinsgewohnheiten, -mechanismen und Seelenformen aufzulösen. Sie halfen dem Menschen, sonst unbedacht gewohnheitsmäßig oder instinktiv ausgeübte Bewusstseins- und Lebensgebärden mit Bewusstheit auszuführen.

Für den heutigen magischen Schulungsweg ist also charakteristisch, dass die ersten Übungen grundsätzlich im sog. »malkuthischen« Alltagsbewusstsein beginnen. Ihm ist begreiflich, was getan wird, die Durchschaubarkeit geht in den Übungsschritten nie verloren. Das sichert die Kontinuität im Verlauf des Schulungsweges und damit auch die Kontinuität der Orientierung.

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