Neuland

Von dem Zeitpunkt an, da Du Dich für den magischen Weg entschieden hast, bist Du zu einem doppelten Wesen geworden: Du hast nämlich, wenn auch noch nicht vollständig, bisher verborgene Einsichten in Dein Innerstes, in andere Welten und in die Welt der göttlichen Natur erhalten und kannst etwas davon erfahren. Auf der anderen Seite aber bleibst Du mit der Welt der Begrenzungen stets verbunden, gebunden an die Welt der Dialektik.

Du schaukelst tatsächlich zwischen zwei magnetischen Feldern hin und her. In einem Moment bist Du voll guten Mutes auf »das Andere« gerichtet, und schon kurze Zeit später verstehst Du von dem ganzen »Pfad des Lebens« nichts mehr. In dem einen Moment bist Du in dem naturgeborenen Feld untergetaucht, und im nächsten Moment berührt Dich die Gnosis ob Deiner Offenheit.

Diesen Zustand des Hin-und-her-Geschleudert-Werdens kannst Du unbeschadet nicht unbegrenzt lange aushalten. Dein Verlangen nach Seelenruhe wird regelmäßig durch ein Gefühl des Gejagtseins und der Unruhe gestört. Manchmal scheint es gar, als sei I·M·B·O·L·C hier die kalte, unempfindliche Zuschauerin in diesem Streit; das aber scheint nur so. Die Schule drängt Dich kontinuierlich, konsequent und mit offenen Armen weiter, weiter zu einer endgültigen Entscheidung, da der Zustand zweier Lebensstimmen ein vorürbergehender sein muss, um ihn langfristig ertragen zu können. Du wirst gezwungen, Deinen Lebensgang zu bestimmen. Ein Gang von der Brücke herunter, oder einer über die Brücke hinweg.

Was kannst Du tun, um aus dieser Gespaltenheit herauszugelangen? Es ist ein Licht in Dir entzündet, das Dir scheint, das Dich ruft und das Dir winkt.

Harre in Deinem positiven Beschluss aus und mache diese Berührung zu einer bleibenden Bindung. Der Zwiespalt wird dann in dem Maße, in dem Du immer mehr aus dem Geist des neuen Lebensfeldes zu leben beginnst, abnehmen. Mit der brennenden Fackel des Verlangens in Deinem Herzen wie in Deiner Hand, kannst Du den freudvollen Lebensgang über die Brücke zum magischen Leben vollbringen.

Die gesamte Weltgeschichte, von ihrem Tagesanbruch bis zu diesem Moment, beweist, dass das Bestehen – weder im Diesseits noch im Jenseits – niemals der Täuschung und Selbstbehauptung, der Dialektik, entsteigen kann.

Wenn Du etwas von dieser Realität begreifst, wirst Du von innen heraus »gezwungen« werden, den Sinn des Lebens zu suchen. Dann wirst Du wissen, dass »Leben« nicht dasselbe sein kann wie »Bestehen«, dass, um zu leben, der größte und schwerste Streit gestritten werden muss, der vom »Mensch-Sein« zur »Mensch-Werdung« führt. Dieser Streit führt zu einer fundamentalen Lebensumkehr. Daraus wiederum entsteht die Entwicklung des Königreiches in Dir.

Dieser Prozess, dieser wichtige Streit, den jeder Mensch führen muss, ist das Hinabsteigen in Dein Selbst und die Überwindung dieses Selbstes: das Schauen in das eigene Selbst mit schonungslosem Mut, wie auch das Wagnis, das eigene Leben zu analysieren, es in das zu zergliedern, was es wirklich ist! Das ist gemeint mit dem Ablegen alles »Stofflichen«, dem ganzen, sich täglich wiederholendem Begehren, der gesamten alten Kleidung, ein Jahrhunderte altes Ich-Wesen, das durch all unsere Vorgänger und uns selbst geformt wurde, zu überwinden.

Als noch junger Magieschüler befindest Du Dich am Beginn dieses Weges des Emporsteigens, das eigentlich ein »Hinabsteigen« ist. Du stehst tatsächlich vor der Pforte und an dem Punkt, an dem Du bewusst entscheiden musst: Zwänge ich mich nun durch die enge dunkle Pforte hindurch; bin ich bereit, mich zu beugen, um durch diese niedrige Pforte hindurch zu gelangen oder gehe ich nicht und kehre um! Gerade dieses »beugen« ist von enormer Wichtigkeit.

Wir stehen alle und in jedem Augenblick an dem Punkt, an dem man sich fragen kann: Wie muss ich daran arbeiten, wie stehe ich in und zu I·M·B·O·L·C, was ist diese Schule für mich?

Als berufstätige Menschen sind wir alle damit beschäftigt, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Vielleicht stehen wir im Begriff, eine Karriere aufzubauen. Gleichzeitig befinden wir uns am Beginn unseres Schülertums und fangen an zu begreifen, dass das Schüler-Sein allein nicht genug ist, dass mit diesem Schülertum Konsequenzen verbunden sind, dass wir »unter der ersten Pforte« hindurch müssen.

Jeder von uns muss lernen, die Essenz dessen, was die Schule ist, in sich selbst zu entdecken. Du musst für Dich selbst feststellen, dass das etwas Neues ist, etwas, das ständigen Veränderungen unterliegt. Darin liegt der Schlüssel!

Wie reagieren wir? Nimm als Beispiel eine Urlaubsreise in den sonnigen Süden. Beim ersten Mal sitzt Du nur da und Deine Augen können sich gar nicht sattsehen. Es scheint, als seien sie größer geworden, um nur ja so viel wie möglich zu erhaschen, wahrzunehmen, zu verarbeiten. Beim zweiten Mal ist die Erinnerung da; noch immer findest Du alles gewaltig. Beim dritten Mal sagst Du: „Oh ja!“ und beim vierten Mal bist du so weit, dass Du sagtst: „Wir fahren die Nacht durch.“

So ist es mit uns, nicht nur im täglichen Leben, sondern vielleicht auch in unserem Leben als Magieschüler. Deshalb ist es so wichtig zu begreifen, dass Du nur weitergehen kannst, indem Du die Dinge immer wieder aufs Neue, wie zum ersten Mal, erfährst, dass Du Dein Schülertum neu erhalten und definieren musst. Suche in Dir selbst danach, wer Du bist, was Du willst. Wahrscheinlich wirst Du dann Dingen begegnen, von denen Du bisher nicht einmal ahntest, dass es sie »gibt«.

Finde in Dir selbst einen neutralen Ort, ein Gebiet gleich einem umfriedeten Weideland, in dem Du die Erfahrungen, die für Dich wirklich wichtig sind, festhältst. Einen fruchtbaren Ort der Muse, aus dem Du schöpfen, aus dem Du handeln kannst, aus dem heraus Du weißt, wann und wo Deine Grenzen auftauchen, so dass Du auch (selbst)bewusst sagen kannst: Bis hierhin kann ich gehen und nicht weiter! Entwickle so in Dir selbst – in Übereinstimmung mit dem magischen Weg, für den Du Dich entschieden hast – eine eigene selbstreferentielle Ethik, Deine eigene Moral.

In unserem Bewusstsein gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die die Art des Bewusstseins bestimmt. Alle diese Möglichkeiten werden einzeln oder gemeinsam in unserem Leben offenbar. Und wenn sie offenbar werden, formen sich dadurch unser Leben und unser gesamter Körper. Jede Zelle in unserem Körper reagiert vollkommen auf unseren Bewusstseinszustand. Es ist also ausgeschlossen, dass, wenn ein neues Bewusstsein in uns entsteht, dies lediglich eine andere moralische Einstellung, lediglich eine andere Lebenshaltung zur Folge haben sollte. Nein, die Folge wird gleichzeitig sein, dass unsere gesamte Persönlichkeit, unser gesamter körperlicher Zustand – all unser Leiden, unsere Freuden, unsere Gesundheit und unsere Krankheiten – sich ändern. Ein Grund, weshalb auch in unserer Schule der Prozess der Transfiguration so wichtig ist.

Alle Dinge, die mit dem magischen Pfad und dem neuen Leben zusammenhängen und die wir akzeptieren, müssen als Bewusstseinszustand, als als eine Art magnetische Kraft, in unserem Wesen Gestalt annehmen. Erst dann können wir damit beginnen, daraus zu schöpfen, zu leben und diese Kraft in und durch unser Leben zu offenbaren.

Wenn Du Dir einiger Tatsachen und Notwendigkeiten noch nicht bewusst bist, sind sie auch noch nicht in Dein Herz eingeschrieben und lediglich eine statische, angewandte Technik, gleich dem pragmatischen Schaltgetriebe Deines Automobils. Ein anderer kann dann wohl darüber sprechen und sagen: „Dies musst Du tun, jenes musst Du unterlassen,“ aber Du kannst es deshalb noch lange nicht in die Tat umsetzen.

Um nun herauszufinden, was die neue Lebenshaltung für Dich sein muss, musst Du in Dein eigenes Herz blicken, den Brief in Deinem eigenen Herzen lesen, um aus den so entzifferten Formeln und Symbolen heraus handeln zu können.

Folge Deinem eigenen Weg, in Deinem eigenen Tempo, bringe die Dinge in eine für Dich bestimmte, stimmige Reihenfolge, aber: Handele! Tue! Denn das ist (die) Magie (Deiner neuen Lebenshaltung).

Nur so öffnest Du Deinen Seelenzustand für die Dich umringende Gnosis, die bereits seit längerer Zeit an Deine Seelentür klopft, Du geflissentlich bis heute ignoriert hast. Wenn sie schließlich bei Dir eintreten wird, wird für Dich ein neuer, veränderter Bewusstseinszustand zu einem neuen, veränderten Lebenszustand und zu Deinem ureigenen, individuellen Credo.